Nicht auszudenken: ein Handy-Bimmeln. Es passiert natürlich, was passieren muss, als Vadim Karassikows halbstündiges Mordstiteltrumm Beyond the Boundary of Silence in der Donaueschinger Uraufführungsschlussbiege angelangt ist: Die Stille hat ihre Grenzen. Verspannt halten die Violinistin, der Klarinettist und der Mann am Klavier (kopfüber im Flügel) den Atem an, um nur ja keinen Ton mehr herauszulassen, da trägt’s – triolisch aufsteigend: dudödi, dudödi – ihr kollektives Anliegen endgültig aus der Kurve. Schales Lachen allein ist in der Erich-Kästner-Schule bei den diesjährigen Donaueschinger Musiktagen der Lohn des Publikums, das mehrheitlich schon wieder die Das-kannten-wir-bereits-Mienen aufsetzt. Stimmt ja auch: Komponierte Stille – das ist schon mal da gewesen, gerade hier, aber man wird ja wohl mal im Zitat leben dürfen, auch wenn es sich nur um dessen Verlängerung, Erweiterung und Aufweichung handelt. In erlebter Rede (sprich: im Schweigen) steht nämlich John Cages Stück über die Stille von 1952, es hieß nach seiner Dauer schlicht 4’33. Und es passierte nichts, das war alles, aber so etwas schreibt sich leicht hin. Nennen wir’s der Einfachheit halber: Revolution, anhaltende Diskussionen auslösend.

So etwas gelingt natürlich selten, und es ist gut möglich, dass dieser russische Cage-Revival-Akt letzten Endes auch deswegen in die Miesen geht, weil er nicht viel mehr sein will als eine Erinnerung, zeitgemäß aufgemotzt durch drei hängende Leinwände, auf denen man sieht, was man hören könnte, also nichts oder fast nichts, denn am Anfang verpladdern ganz weich ein paar Töne – wie die letzten Regentropfen in der Pfütze nach dem großen Sturm. Der Rest aber spielt im leeren Wasserglas.

Musik als Widerstand oder Widerstand gegen Musik ist trotzdem ein Thema, wie gemacht zum wiederholten Abarbeiten. Heiner Müller, eher "Verwerter" als "Genießer von Klängen", wie er selbst sagte, kannte sich gut aus mit derartiger Quälerei. Als er seinen Auftrag an der Berliner Volksbühne inszenierte, ließ er zur Sterbearie von Puccinis Manon Lescaut den Schauspieler zwischen Wänden herumrennen und gegen Maria Callas vom Band kämpfen. Zwischen zwei Zigarrenzügen stellte Müller danach genussvoll fest, dass die Szene den Mimen immerhin fast bis zum Selbstmord getrieben habe. Müller mochte so etwas. Auch Tristan und Isolde ließ er in Bayreuth bei seiner einzigen Operninszenierung eiskalt im bläulichen Todeslicht stehen.

Revolution der Einfachheit: Wie erzählen wir ein Stück?

Die menschliche Stimme im Kampf mit der Partitur. Exakt diesen Fight – allerdings zunächst einmal in einer Mittelgewichtsversion – bekommt er jetzt posthum an einem anderen Ort geliefert, nämlich im ehemaligen Römerkastell in Bad Cannstatt, wo eine Woche vor Beginn der Donaueschinger Musiktage das Forum für Neues Musiktheater Stuttgart mit der Opernuraufführung Im Spiegel wohnen von Andreas Breitscheid eröffnet wird. Das Stück beruht auf Müllers Text Bildbeschreibung, der als Emanzipation eines Ichs oder als latente Emanation von Gewalt gelesen werden kann. Breitscheid ist zugleich der künstlerische Leiter einer Institution, für die der Stuttgarter Operndirektor Klaus Zehelein lange gestritten hat. Wer von nun an vom Stuttgarter Forum redet, wird immer auch von einer Experimentierstube sprechen, in der das 21. Jahrhundert wohnen soll, ohne zu dämmern. Es soll üben. Im Dezember, bei der zweiten Aufführungsserie, kann, ja, muss Bildbeschreibung ganz anders aussehen, das Team bleibt zusammen. Die Stuttgarter haben, Hanglage hin, Rebenblick her, Revolutionäres im Sinn, ihre Grundfrage ist die allereinfachste: Wie erzählen wir ein Stück? Ausdrücklich ist der Einsatz modernster Technik vorgesehen, das Karlsruher ZKM und das Pariser IRCAM sind beteiligt.

Noch ist längst nicht alles fertig verstöpselt in Cannstatt, aber unter Strom steht das Unternehmen, das merkt man an Jean Jourdheils relativ dichter Textbefragung, während der Müllers Malstrom-Sätze auf unterschiedlichen Ebenen abgebildet werden. Man tanzt, zerstampft, rezitiert und singt sie (ein wandelndes Fanal: die Mezzosopranistin Lani Poulsen). Man hält sie aus (was schwer genug ist) und unterhält sich darüber: Vier musikalische Solisten (Akkordeon, Saxofon, Kontrabass und Posaune) verändern die musikalische Textur im Gespräch, dynamisieren sie. Keiner bleibt, was er ist. Keiner behält (auch durch die elektronische Verfremdung), was er hat. Zu hören und zu sehen ist kein abgeschlossenes und sich dadurch dem Publikum schwer erschließbares Produkt, sondern ein Werk im Prozess der Selbstfindung, nicht in dem seiner Selbstverwirklichung

Die Jungen ziehen sich in die musikalische Kuschelecke zurück

Feilers Furor richtet sich gegen den Kapitalismus, sagt er, und man kann zum Stück stehen, wie man will (nicht jeder mag es in Donaueschingen aussitzen), zumindest hat es eine Haltung. Interessanterweise wirkt der Auftritt im Nachhinein wie vorgezeichnet durch das Konzert von Evan Parker in der Nacht von Samstag auf Sonntag bei der Jazz-Session. Parker hat früher im Globe Unity Orchestra gespielt und lässt sich mittlerweile bei der freien, enorm kraftvollen Improvisation durch Samples (hier vom Duo Furt) ein wenig aus der Ruhe bringen. Bei Parker wie bei Feiler ist die Musik immerhin: Herausforderung, Diskussionsgrundlage.