Die Doppelmoral der Kultusministerin Baden-Württembergs Schavan entlarvt die wahren Hintergründe des Kopftuchstreits insbesondere hinsichtlich seiner Frauenrechtsrhetorik. Hier geht es weder um Integration noch um Frauenrechte, sondern einzig und allein um die Angst vor Überfremdung, die Angst vor einer Gefährdung der "deutschen Leitkultur".

Ohne polemisch sein zu wollen, muss doch betont werden, dass es sich bei der katholischen Religion immer noch um eine Glaubensgemeinschaft handelt, die den Frauen nicht nur das Priesteramt verweigert, sondern Abtreibungen verbietet und die Familienplanung mittels Verhütung missbilligt.

Nicht dass dem französischen Beispiel einer absoluten Laizität gefolgt werden sollte, führte dieses Prinzip doch kürzlich zum Ausschluss zweier muslimischer Mädchen aus einem französischen Gymnasium, da sie sich weigerten, ihr Kopftuch abzulegen.

Vielmehr sollte die Konzeption des nordrhein-westfälischen Justizministers Gerhards Usus werden, deren toleranter und freiheitlicher Ausrichtung nichts hinzuzufügen ist.

Claudia Fritsche Paris

Der nordrhein-westfälische Justizminister Wolfgang Gerhards bezeichnet das Land an Rhein, Ruhr und Weser als "Durchreiseraum, wo es uns" - ! - "immer wieder gelungen ist, verschiedene Religionen und Kulturen friedfertig miteinander zu verbinden - ohne Gebote und Verbote". Das klingt gut, doch entspricht dies auch den Tatsachen?

Ein besonders gravierender Unterschied zu heute wird erkennbar im Verhalten der Zuwanderer. In hohem Maße suchten die polnischen Zuwanderer Anpassung, Verständigung, Angleichung. 1914 gab es 450 000 Einwohner polnischer Muttersprache im Ruhrgebiet. Elf Jahre später verstanden sich nur 70 000 als Polen. Auch in der Vielzahl von Anträgen auf Namensänderungen (zum Beispiel Grszkowiak: Grote) drückt sich Anpassungsbereitschaft aus. Gleichwohl gab es Einwanderer aus Polen, die sich aus unüberwindlichen Gegensätzen wieder in ihre Heimat zurückzogen.