Hinter dem schwarzen Vorhang im Kassenhäuschen des Gruselkabinetts verbirgt sich ein niedriges, fensterloses Büro. Mit den bis unter die Decke gestapelten Gummiskeletten, Monsterkostümen und fluoreszierenden Totenschädeln gleicht es einer geisterhaften Rumpelkammer. Marlit Friedland, die Betreiberin des Kabinetts, sitzt mit einem Händler an ihrem Schreibtisch, darauf breitet er stumm seine Ware aus. "Herr Friedland, kommst du mal und machst die Kasse?", schreit Frau Friedland auf den dunklen Flur hinaus, als sich Besucher nähern. Ihr Mann schlurft aus dem Dunkeln heran, über Jeans und Pullover trägt er einen fadenscheinigen schwarzen Umhang. Während er die Schulklasse abfertigt, betrachtet seine Frau wohlwollend die Auslagen des Händlers. "Ich nehme die grinsende Mumie, den Zombie, den Vampir und die Hexe", sagt sie nach kurzer Bedenkzeit. "Wäre doch die Bewerberauswahl auch so einfach", murmelt sie, nachdem sich der Händler verabschiedet hat. Frau Friedland sucht neue Mitarbeiter, am Wochenende hat sie eine Anzeige in der Zeitung geschaltet: "Schlanker, junger Mann (25–35 J.), Vollzeitarbeit, brillenlos ges., Gruselkabinett". Fünf bis zehn Interessenten haben sich daraufhin gemeldet, doch bis auf drei sprangen ihr die schon während des telefonischen Vorgesprächs wieder ab. Nun ist Frau Friedland gespannt auf die verbliebenen Bewerber und zupft sich ihre Dienstkleidung zurecht; auch sie trägt einen schwarzen Umhang überm adretten Hosenanzug.

Der junge Mann erscheint zwei Minuten vor dem verabredeten Termin. Zögerlich nimmt er im Büro zwischen den Gruselutensilien Platz und stellt sich mit kaum hörbarer Stimme vor; er sei Student der Umwelttechnik. Worum es hier gehe, nein, das wisse er nicht. "Dann machen Sie sich oben erst mal ein Bild, junger Mann." Frau Friedland schiebt ihn zur Tür hinaus. "Das wird nichts", sagt sie zu Herrn Friedland, der noch immer hinterm Vorhang hockt. Frau Friedland sucht professionelle Erschrecker für ihr Gruselkabinett. Schwarz gekleidet, eine Monstermaske vor dem Gesicht, sollen die Männer ahnungslosen Besuchern auflauern, um sie aus dem Hinterhalt anzuspringen. Ein Job mit hohem Laufpensum in geheimen Gängen, fernab dem Tageslicht und mit dem Risiko verknüpft, von erschrockenen Besuchern im Reflex attackiert zu werden. Die Fluktuation unter den Mitarbeitern ist hoch. "Nach einem Jahr sind die verschlissen", sagt Frau Friedland. Der zweite Bewerber tritt forscher auf. Er sieht jünger aus als 25, trägt aber schon die passende Grundbekleidung: gruselbunkerschwarze Jeans und Bomberjacke. Kaum hat er Platz genommen, packt der arbeitslose Kaufmann seine Trümpfe aus: Er sei Statist im neuesten Jackie-Chan-Film und mit seinen Kollegen vom Star Trek Club trete er jedes Wochenende als Außerirdischer auf. Auch der dritte Bewerber macht einen selbstbewussten Eindruck; ein großer, kräftiger, dunkelhaariger Mann Mitte 30, der als Taxifahrer unter akutem Bewegungsmangel leide, wie er sagt. Bevor sie die Bewerberbögen verteilen will, schickt Frau Friedland die Herren auf den Rundgang durch das Kabinett.

In den Verschlägen im Erdgeschoss des ehemaligen Luftschutzbunkers stellen lebensgroße Puppen mittelalterliche Operationszenen nach. Mit primitiven Bewegungsmechanismen ausgestattet, sägen sie einander entzündete Unterschenkel ab oder hantieren mit groben Messern am offenen Leistenbruch. Belustigt und befremdet zugleich, schiebt sich eine lärmende Schulklasse durch die muffigen Räume, aus denen hohles Ächzen hallt; der Eindruck des Komischen obsiegt bei weitem über Furcht und Mitleid.

In zitternder Polonaise durch das Spalier der Nazarenermönche

Nach der Visite der albernen Szenen im Erdgeschoss wähnt sich der Besucher vorschnell in Sicherheit. Die Atmosphäre im Obergeschoss des Bunkers, dem Revier der Erschrecker, wirkt augenblicklich bedrohlich aufs Gemüt. Unübersichtlich und verwinkelt, mal schmaler, mal breiter, sind die Wege und Räume dort nur sehr spärlich, in manchen Ecken gar nicht ausgeleuchtet. Ein paar Halbwüchsige, ein etwa 40-jähriger Mann und eine junge Frau tapern dicht aneinander gedrängt über die Flure; eine willkürlich zusammengewürftelte Gruppe, nun zusammengeschweißt in irrationaler Furcht. Auf engem Pfad drängen sie sich in zitternder Polonaise durch ein Spalier aus etwa zwanzig mannshohen, mit Nazarenerkutten bekleideten Puppen. Als ein schwarz gekleidetes Wesen plötzlich von hinten auf die Gruppe zustürzt, löst sich der Zug kreischend auf. Im fahlen Licht des Flures stehen die Menschen Sekunden später wieder beieinander, verdattert entschuldigen sie sich: Der eine hatte sich unfairerweise hinter seinem Vordermann versteckt, als der schwarze Mann nahte, die Frau einem Schüler am Kapuzenpullover gezogen, bis der fast riss. Dem 40-Jährigen wird die Führung übertragen. Als das Licht vollkommen erlischt, schreien die Teenager und die Frau panisch. Kein Geisterbahnwaggon umgibt sie schützend, keine blinkenden Wegweiser nehmen ihnen die Angst. "Ich kann nicht mehr, ich will hier raus", flüstert ein Schüler, als das Licht nach Sekunden wieder schwach eine Friedhofsszenerie erleuchtet. Die Frau versucht, einen hysterischen Lachanfall in ihrem Schal zu ersticken. Jeder will in der Mitte des Zuges gehen.

Mehrmals noch werden die Rundgänger vom Umhang eines vorüberrennenden Wesens gestreift und kreischen sich heiser, bis der 40-Jährige die Tür zum Treppenhaus findet. Die Frau kichert aufgelöst, die Schüler plappern, der Mann lacht herb. Am Ausgang angekommen, löst sich die Gruppe augenblicklich auf. Spöttisch schauen die Männer von der Museumsaufsicht ihnen hinterher. "Sie haben sich doch nicht wirklich erschreckt?", fragen sie die Frau, die sich noch Drachenaschenbecher in einer Vitrine anschaut. Sie zuckt verlegen mit den Schultern; die Männer schütteln verständnislos ihre Köpfe.

In der Schaltzentrale des Schreckens läuft der Geschäftsbetrieb indes nüchtern ab, die Grusel-Accessoires wirken hier so furchterregend wie Aktenordner, Locher oder Briefbeschwerer. Das Büro, ein Panoptikum der Banalität; erfüllt von der besänftigenden Atmosphäre kleingärtnerhafter Geschäftstüchtigkeit. "Herr Friedland, schick die Monster in Stellung, gleich kommen die Provinzeier", sagt die Chefin. Der Jackie-Chan-Statist und der Taxifahrer bekommen die Bewerberbögen ausgehändigt. (Der Umwelttechniker ward nach dem Rundgang nicht mehr gesehen.) Frau Friedland verlangt Angaben über den beruflichen Werdegang, Sprachkenntnisse und Schauspielerfahrungen. Ein junger Mann tritt ins Büro, er hat millimeterkurz geschorenes helles Haar und feine, ebenmäßige Züge. Freundlich grüßt er in die Runde, dann knotet er sich seinen Umhang vom Hals und legt ihn in seinen Spind. "Hier, Frau Friedland, ich wollte Ihnen doch noch meine Lohnsteuerkarte abgeben", sagt er zu seiner Chefin. "Mein jüngster Erschrecker, ein guter Junge. Studiert Musikwissenschaft", sagt sie, stolz wie eine Mutter.

Wenige Tage darauf beginnt Marlit Friedlands Mitarbeitersuche bereits von vorn; sie hat wieder dieselbe Stellenanzeige geschaltet. Der Taxifahrer ist ihr abgesprungen. Er sei als freier Journalist nur auf Recherchetour im Kabinett gewesen, hatte er im Nachhinein recht überraschend beschieden. Jackie Chan hat immerhin seinen fünften Probearbeitstag hinter sich gebracht. "Aber die anderen Monster akzeptieren ihn nicht", klagt Frau Friedland. Vielleicht sei er mit seinen 22 Jahren noch zu jung, um sich gegen die eingeschworenen Mitarbeiter durchsetzen. Denn hinter den Fratzenmasken im Friedlandschen Reich verbergen sich offenbar nicht nur freundliche Musikwissenschaftler, simple Platzhirsche sind wohl auch darunter.