Amsterdam, Helsinki

Die Nachricht kam rechtzeitig zu den kriegerischen Ritualen von IG Metall und ver.di: Die holländischen Gewerkschaften akzeptieren, um der kriselnden Wirtschaft aufzuhelfen, eine zweijährige Lohnpause. Die deutschen Vorsitzenden, Jürgen Peters (SPD) und Frank Bsirske (Grüne) mögen ganz schön erschrocken sein, sind sie doch gerade dabei, den Abwehrkampf gegen die Reformpolitik der Mitte-links-Regierung zu verstärken. Die Verzichtspolitik der Niederländer hat ihnen da gerade noch gefehlt.

Andererseits, was ihr Kollege, der Vorsitzende der größten niederländischen Gewerkschaft FNV, Lodewijk de Waal, sich dafür eingehandelt hat, könnte den Peters und Bsirskes für Deutschland schon gefallen. Denn die niederländische Mitte-rechts-Koalition aus Christdemokraten, Rechtsliberalen (VVD) und den einstigen Linksliberalen (D’66) hatte sich im Gegenzug verpflichtet, vorerst auf strukturelle Leistungskürzungen im Bereich der Renten, Frührenten und Beihilfen für Behinderte zu verzichten. Lohn- gegen Reformverzicht – wäre das nicht auch ein akzeptables Geschäft für jene, die in der rot-grünen Gesundheits-, Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik nur einen neoliberalen Kahlschlag sehen?

Lodewijk de Waal hält die Einigung in den Niederlanden nach dreiwöchigen Geheimverhandlungen in der Tat für einen Erfolg. Viele nannten ihn zwar den Verlierer dieses Ringens, in der Gewerkschaft rumort es gegen seine Verhandlungsführung, und der deutsch-niederländische Ökonom Alfred Kleinknecht hält die ganze Politik der Lohnmäßigung, eine Spezialität der Niederländer und ihres legendären "Poldermodells", für strategisch falsch: Sie sei die Hauptursache für die vergleichsweise geringe Produktivität der niederländischen Wirtschaft. Doch de Waal argumentiert politisch. Der eigentliche Sinn des bizarren Lohn- und Reformstopps liege in der Wiederherstellung ebenjenes Poldermodells des sozialen Konsenses – einer Art holländischen "Bündnisses für Arbeit" –, das in den Niederlanden bereits totgesagt war.

Es galt als verschüttet seit dem politischen Erdbeben, das der Wahlerfolg der Partei des Rechtspopulisten Pim Fortuyn vor anderthalb Jahren ausgelöst hatte. Das Fortuyn-Fieber führte zur Umwertung alter politischer Werte, die klassische Verhandlungsdemokratie wurde diffamiert als Kartell der Mächtigen und Etablierten, der Niedergang des öffentlichen Dienstes (Verkehr, Gesundheit, Bildung, öffentliche Sicherheit) als Systemfehler der Parteiendemokratie. Darüber zerbrach 2002 die Koalition, die Holland im Jahrzehnt zuvor saniert und zumindest vorübergehend zu einem kleinen Wirtschaftswunder verholfen hatte. Gelitten hat das Land dann, weil es nach der Fortuyn-Wende fast ein Jahr lang nicht wirklich regiert wurde, ehe noch einmal gewählt und danch die Rückkehr zu etwas mehr Normalität möglich wurde. Die neue Regierung des 47 Jahre alten Christdemokraten Jan Peter Balkenende aber setzte zunächst auf Alleingang. Abschied vom Poldermodell und vom Kleinstaats-Korporatismus, der zu lange zu gut funktioniert hatte: Die Regierung wollte die Reform im Alleingang machen, assistiert allenfalls von den Arbeitgebern. "Die versuchen uns an die Wand zu drängen", analysierte de Waal noch Anfang September die Lage. Die Gewerkschaften waren in der Tat, so wie die Sozialdemokraten, durch die Populismuskrise geschwächt. Resigniert sagte de Waal damals: "Das Poldermodell ist tot." Ein Machtfaktor wie in Skandinavien waren die Gewerkschaften in den Niederlanden ohnehin nie. Während ihr Organisationsgrad in Skandinavien um die 80 Prozent der Arbeitnehmerschaft schwankt, sind es in den Niederlanden – und in Deutschland – nur 27 Prozent. Die Kraft der holländischen Gewerkschaften beruhte daher mehr auf der tief verwurzelten Konsenstradition des Landes hinter den Deichen als auf einem "starken Arm" der organisierten Arbeitnehmerschaft.

Den aber, sagt de Waal heute, hat es gerade jetzt gebraucht. Der Alleingang der Regierung durfte nicht stattfinden, die traditionellen Konsensparteien mussten zurück an den Tisch. Das Mittel: Streiks, Versammlungen, Kampagnen. "Wir wussten, dass wir keinen langen Streik riskieren konnten. Wir haben die IG Metall genau beobachtet und aus ihrer Niederlage in Ostdeutschland gelernt." Ein Streik sei immer auch ein Kampf um die öffentliche Meinung. Wer die Unterstützung in der Öffentlichkeit verliert, kann den Arbeitskampf nicht gewinnen, sagt de Waal. Als sie an einem Tag den Bahnverkehr in den Niederlanden lahm legten, drohte die Stimmung zu kippen. "Das war gefährlich." Aber da saßen die Arbeitgeber schon am Tisch. Die Regierung kam schließlich dazu. Es war ein Marathon. Und die Einigung am Ende? Ein Waffenstillstand. "Die Regierung hat sich verpflichtet, die Spar- und Reformmaßnahmen nur mit den Sozialpartnern zusammen durchzuführen. Wir wissen, dass Reformen nötig sind. Aber wir wollen daran beteiligt sein. Das haben wir durchgesetzt." Die Wiedergeburt des Poldermodells.

Ob das wirklich ein Erfolg ist, muss sich spätestens am 1. April nächsten Jahres zeigen. Bis dahin gilt das Stillhalteabkommen, und bis dahin müssen Regierung und Sozialpartner vor allem klären, wie sie die klassischen holländischen Tabuthemen Frühverrentung, berufsbedingte Behinderungen und die Finanzierung der Arbeitslosigkeit in den Griff bekommen. Eine Mammutaufgabe.

Um wie viel fröhlicher sieht doch die Welt dort aus, wo man als "Modell" noch gar nicht so lange gefeiert wird, aber Modellhaftes fürwahr vorweisen kann. Von Helsinki lernen heißt weit mehr als mobil telefonieren und beim Ausdauertraining den modernsten High-Tech-Pulsmesser anlegen. Die Finnen sind die technologischen Wunderkinder vom Rande des "alten Europa", ökonomische Musterknaben und obendrein tugendhaft: In sämtlichen Ranking-Listen internationaler Institutionen liegen sie auf den ersten oder jedenfalls vordersten Plätzen, einschließlich Transparency International , das den Finnen in ihrer globalen Korruptionsanalyse absolute Unbestechlichkeit bescheinigt. Diese Finnen sind die neue "Modell"-Generation, sie stehen für das soziale Innovationsmilieu, in dem Nokia und Linux zu Weltfirmen wurden, und werden bestaunt von aller Welt, nicht zuletzt von den Deutschen.