Es lebe der Individualismus, die Glaubenskrieger haben verloren. Das ist die Lehre aus den britischen Feldversuchen mit genetisch verändertem Mais, Raps und Rüben. Der Befund: Zwei der untersuchten Bio-Tech-Gewächse schädigen nachweislich die Umwelt – jedenfalls unter den lokalen Bedingungen. Nur dem Mais schrieben die Wissenschaftler ein vorsichtiges "Unbedenklich" ins Zeugnis (ZEIT Nr. 43/03). Unrecht haben also jene Umweltschützer und GVO-Gegner, die alle freigesetzten Laborkreaturen in Bausch und Bogen als Teufelszeug verwerfen. Unrecht haben aber ebenso Bio-Tech-Firmen wie Monsanto oder Bayer, die seit Jahr und Tag ihre Produkte als garantiert harmlos anpreisen und von der besten aller künstlichen Welten schwärmen.

Nicht im Grundsatz, sondern nach Sachlage muss über jedes einzelne Produkt, jeden einzelnen Anbau grüner Gentechnik entschieden werden, und nicht nach Credo und Gusto. So besehen, gibt es beim britischen Fallbeispiel, das seit vergangener Woche in Europa Schlagzeilen macht, nur einen Sieger – die exakte Wissenschaft. Mit ihren dreijährigen Feldversuchen, den bislang größten ihrer Art, haben die britischen Forscher ihrer Zunft alle Ehre gemacht und der Gesellschaft weit über die Insel hinaus einen großen Dienst erwiesen. Der Streit um "die" grüne Gentechnik ist künftig sinnlos: Gestritten werden muss und darf um jeden Einzelfall.

Für die Bio-Tech-Industrie mag das unbequem sein, freilich nur auf den ersten Blick. Denn überall schlägt ihr ja Skepsis und Ablehnung entgegen. Bauern, Verbraucher, Politiker zeigen der Gentechnik auf dem Acker die kalte Schulter. Dagegen hilft weder Sturheit noch Schmollen, wie das jetzt Monsanto vorführt, das seine Saatgut-Divisionen aus Europa abzieht. Sondern nur beharrliche Genauigkeit – und bessere Produkte, befreit von den Kinderkrankheiten der Gentechnik. Monsanto und Co. müssen eben nicht nur amerikanische Farmer von Nutz und Frommen des neuen Saatguts überzeugen, sondern auch europäische Verbraucher. Wo mit dem Unkraut im Rapsfeld auch Bienen und Vögel verschwinden, blüht am Ende nur Misstrauen. Vielleicht wird man auf den Chefetagen neu denken müssen: Wo bleibt eigentlich der Apfel mit eingebautem Grippeschutz?

Unbequem wird es aber auch für die Gegner der grünen Gentechnik. Denn es kann, wie das britische Beispiel zeigt, unter drei Produkten das eine geben, das seinen Zweck korrekt erfüllt. Auch die Europäische Union muss Konsequenzen ziehen: Jahrelang verhängte sie über die Zulassung neuer Genpflanzen ein Moratorium, im Sommer hob sie es mangels Beweisen auf und suchte die Verbraucher mit allerlei Grenzwert-Arithmetik zu beruhigen. Das eine so falsch wie das andere: Es gibt nicht die Lösung, nur Lösungen. Für Kreuzzüge und Mullahtum ist in Sachen grüner Gentechnik kein Platz. Joachim Fritz-Vannahme