Ein Motorboot wartet am Steg. Der Kapitän wirft die Leine los, die Heckwelle schäumt, das Wassertaxi steuert auf einen Backsteinbau mit zwei grünen Türmen zu. Gleißend golden leuchten Buchstaben am Giebel: "Holland-Amerika-Lijn". Das ist das Hotel New York in Rotterdam.

Die Dame an der Rezeption weist den Weg zum Zimmer. Die eiserne Jugendstiltreppe hoch, dann über breite Flure. Überall stehen Koffer – dicke, alte, mal mit braunem Leintuch bespannt, mal mit Schienen aus Holz und Ecken aus Blech, mit gewaltigen Schlössern und Griffen, damit zwei Mann sie heben können. Das alles ist Dekoration. Die Gäste von heute schleppen ihr Gepäck selbst, rollen Boardcases, wuchten Rucksäcke.

Ein Hauch von Aufbruch hängt im Haus. Es wurde 1901 gebaut, als Sitz der Auswanderer-Schifffahrtsgesellschaft Holland-Amerika-Lijn. 700000 Menschen reisten allein zwischen 1901 und 1914 über Rotterdam in die Vereinigten Staaten, Hunderttausende Juden, die aus dem Osten geflohen waren, auch aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden kamen Auswanderer in Rotterdam an. Die Holland-Amerika-Lijn wurde reich.

Wo heute Hotelgäste übernachten, lag einst die Verwaltung der Reederei. Die Direktion saß in dem großen, holzgetäfelten Raum mit Blick flussabwärts, von wo die Schiffe kamen. Heute kann, wer 184 Euro zahlt, vor der fantastischen Fensterfront weitläufig logieren. Der Rest des Gebäudes war unterteilt in Kabäuschen mit Schreibtischen, Aktenregalen, Rechenmaschinen und Schubladenschränken. Jetzt sind die Räume neu gegliedert. Jeder ist anders, jeder ein Kunstwerk. Manche der 72 Zimmer sind mit großen Gemälden dekoriert, manche bunt, andere streng, wieder andere spielen mit den Strukturen des Gebäudes. In einem Raum dient der große Safe als Schrank. In einem anderen ein schlichter Spind, worüber ein besonders schönes Bild hinwegtröstet.

Vor zehn Jahren, als das Hotel New York eröffnet wurde, stand das Gebäude einsam in dem düsteren Hafengebiet auf der Halbinsel Kop van Zuid, umgeben von Kais und Lagerhallen. "Da will doch keiner hin!", warnten die Zweifler. "Doch, alle, dachten wir", erzählt Dorine de Vos, eine der Initiatorinnen des Hotels. Mit zwei Freunden hat sie das Haus gestaltet, ohne viel Rücksicht auf Konvention. Sie haben ein klassisches Dampfermodell über die Bar gehängt und lauter kunterbunte Spielzeugschiffchen im Restaurant platziert, hatten die Idee mit dem Wassertaxi. Geschäftsleute kommen, ebenso Städteurlauber oder Verliebte auf der Suche nach einem romantischen Versteck. Wem aber das Haus für ein Vier-Sterne-Hotel zu verspielt und zu wenig genormt ist, für den bucht man gern woanders.

Die alte Hafenatmosphäre ist heute fast verschwunden. Renzo Piano, Rem Koolhaas, Peter Wilson und Sir Norman Foster haben ringsum Hochhäuser in den Himmel gebaut. An der Spitze der Halbinsel thront das Hotel jetzt wie ein Sehnsuchtsfleck in einer supermodernen Stadt. "In diesem Gebäude steckt die Kraft, die Menschen treibt, alles hinter sich zu lassen und voll Vertrauen in die Zukunft aufzubrechen", sagt Dorine de Vos. "Für uns ist dies der Ort, von dem wir geträumt haben. Man muss viel Glück haben, wenn man so etwas anpackt." Das hatten sie. Kaum eine Nacht bleibt ein Bett frei.