Manchmal tun ihr die Deutschen leid. "Es ist traurig, dass sie ihren Job verlieren", sagt Kiran. "Aber es ist gut für uns, dass die Jobs herkommen."

Die Frau mit den ernsten Augen ist 25 Jahre alt und hat drei Jahre lang am Goethe-Institut Deutsch gelernt. Jetzt arbeitet sie für eine europäische Investmentbank in Neu-Delhi. Bis vergangenen März hat den Job noch irgendjemand in Frankfurt erledigt – bis der Bank die Mitarbeiter dort zu teuer wurden.

Nun verwalten Kiran und 50 andere Inder die Fondskonten deutscher Anleger – rund 6100 Kilometer entfernt in Gurgaon, einem staubigen Vorort der indischen Hauptstadt Neu-Delhi. "Ich glaube nicht, dass die Kunden das wissen", sagt Kiran, die ihren richtigen Namen daher lieber nicht genannt sehen will. Ihr Arbeitstag beginnt, wenn in Deutschland die Banken öffnen. In Indien ist dann schon früher Nachmittag.

Sie selbst spricht nicht mit den Kunden. Die Aufträge kommen online. 12 000 Rupien verdient sie im Monat, das sind etwa 240 Euro. In Deutschland wäre das ein Hungerlohn, für eine 25-Jährige in Indien ist es fast schon ein Spitzengehalt.

Wenn Konzerne im großen Stil Arbeitsplätze in die Dritte Welt verlegen, merken das die Kunden oft gar nicht. Längst gehe es dabei nicht nur um simple Handlangerdienste wie das Eintippen von Daten, prophezeihen Unternehmensberater, jetzt müssten auch die einstigen Lieblinge der High-Tech-Gesellschaft wie Softwarentwickler oder Analysten um ihre Jobs bangen. Die Marktforscher von Forrester Research etwa sagen voraus, dass amerikanische Arbeitgeber bis 2015 rund 3,3 Millionen Angestelltenjobs, darunter mehr als 450000 bei IT-Firmen, verlegen werden. Ähnliches erwarten die Unternehmensberater von A. T. Kearney für Europa. Allein die Finanzinstitute in Deutschland, Österreich und der Schweiz würden bis 2008 rund 100000 Stellen in billigere Regionen verschieben.

Großer Gewinner der neuen Runde im globalen Job- Monopoly dürfte Indien sein. Nachdem China zur Werkhalle der Welt avanciert ist, schickt sich Indien mit rund einer Milliarde Einwohner an, das globale Service- und Rechenzentrum zu werden.

Seit Anfang der neunziger Jahre ist dort eine Industrie aus dem Boden geschossen, die West-Firmen fast alles abnimmt, was sich dank Telefon, Internet und Computer auch aus der Ferne regeln lässt.

Die Kunden wissen meist nicht, dass sie mit Indern sprechen