Die gute Nachricht nach einem glänzenden Sieg und einem längst nicht gewonnenen Frieden ist die Rückkehr der Bushisten in den UN-Sicherheitsrat. Colin Powell, der wochenlang zum Nachbessern nach Hause geschickt wurde, hat endlich eine Irak-Resolution ergattert – 15 zu null, inklusive Syrien. Dahinter steckt eine noch bessere Nachricht, jedenfalls für Washington. Wiewohl de jure künftig eine UN-Truppe im Irak agiert, bleibt der Oberbefehl in amerikanischer Hand. Zwar werden die Iraker in die Pflicht genommen, nicht aber die Amerikaner. Denn: Der Nationalrat muss bis zum 15. Dezember einen Zeitplan für Verfassung und Wahlen vorlegen, doch wann die Souveränität übertragen wird, entscheiden noch immer die USA.

Ein Etappensieg ist es nur, aber er liefert ein nützliches Lehrstück, das weit über den Tag hinausreicht. Amerikas Widersacher Paris, Berlin und Moskau haben den Deal nur mit laut knirschenden Zähnen abgesegnet; ihr Widerwillen gegen das amerikanische Muskelspiel am Golf bleibt ungebrochen. Warum haben sie dann zugestimmt? Der französische Außenminister de Villepin: "Wir beobachten eine Spirale von Gewalt und Terror im Irak." Deshalb sei es "wichtig, dem irakischen Volk eine Botschaft zu übermitteln – wir wollen die besten Bedingungen für den Wiederaufbau". Übersetzt aus dem Diplomesischen: "Ganz gleich, wie heftig wir die Macht des Giganten zu brechen versuchten, können wir es uns nicht leisten, ihn in Bagdad scheitern zu lassen." Das wäre der nachgezogene Triumph des Saddam Hussein, die Ermutigung für Terroristen und Diktatoren in der gesamten Region.

Der größere Erkenntnisbedarf liegt freilich auf amerikanischer Seite. Ganz knapp: Noch nie haben so wenige in so kurzer Zeit so viele diplomatische Todsünden begangen wie Rumsfeld, Cheney und ihr Boss Bush. Clintons Außenministerin Madeleine Albright, obwohl nicht ganz uneigennützig in ihrem Urteil, quält eine Horrorvision: Die Verachtung des UN-Sicherheitsrates, welche die Bushisten vor Powells Bittgang gezeigt hatten, könnte zur "selffulfilling prophecy", der Sicherheitsrat "tatsächlich antiamerikanisch" werden – zu einem "Ort, wo jedermann die USA zu dem Problem der Welt erklärt, wo ein Redner nach dem anderen uns als Schurkenstaat brandmarkt".

Albrights Sprecher im damaligen State Department, James Rubin, drückt es in einem Beitrag in Foreign Affairs etwas vorsichtiger aus: "Multilaterale Diplomatie erfordert Kompromiss und Feinsinn, die der Regierung Bush in ihrer Rigidität und Rüpelhaftigkeit abgegangen sind." Die Lektion: Auch die größte Macht auf Erden braucht Freunde, und Freunde, zumindest Helfer, verschafft man sich nicht, indem man alle Staatskunst auf Indifferenz und Indolenz reduziert. Jedenfalls hat noch keine Vorgänger-Regierung seit 1945 – von Truman bis Clinton – so schnell so viel politisches Kapital, ja auch moralische Autorität verspielt.

Moralische Autorität, das haben Truman und Nachfolger sehr wohl gewusst, ist nicht ein hübscher Luxus, sondern ein Quell der Macht – wie Dollar, Durchblick und Divisionen. Wiederum eine gute Nachricht, für Amerika und den Rest der Welt: Bush und Powell haben mit der Reparaturarbeit begonnen. Dieser hat sich gegen Vizepräsident Cheney und Verteidigungschef Rumsfeld durchgesetzt, indem er ihnen den Gang zum Sicherheitsrat abrang; jener hat Rumsfeld ein Stück Macht genommen, indem er die Irak-Politik vom Pentagon ins Weiße Haus holte, zu Händen seiner Sicherheitsberaterin Rice.

Der nächste Gang – zur Geberkonferenz in Madrid am Wochenende – wird kaum einfacher werden, umso weniger, als neben dem Kleinkrieg im Irak auch die gegenseitigen Attacken von State Department und Pentagon ungebremst bleiben. Zum Auftakt der Konferenz hat State eine Vorkriegsstudie in die Medien sickern lassen, die fast alle heutigen Kalamitäten vorhersagte, aber in der Ablage des Pentagons sistiert wurde.

Die Wirklichkeit – Bomben in Bagdad, Explosion des Bundesdefizits – wird Colin Powell abermals die besseren Argumente liefern. Und die störrischen Geber? Wie Schröder, Chirac und Putin werden sie mit den Zähnen knirschen, aber mehr zahlen, als sie heute verkünden. Denn Amerikas Niederlage im Irak wäre kein Sieg für Rechthaber und Rivalen. Josef Joffe