Es knackt, es pfeift und rauscht, Stille. Dann endlich eine Stimme: "Wir wollen jetzt… Wir wollen jetzt aufnehmen. Jetzt funktioniert’s auf einmal! Warum hat es denn vorher nicht funktioniert? Himmelarschundzwirn!" Die Dadaisten Richard Huelsenbeck und Hans Richter sitzen in einer New Yorker Wohnung und versuchen, ihr Gespräch auf Tonband aufzuzeichnen. Es ist kaum etwas zu verstehen, abgesehen von den gut eineinhalb Minuten, die dem Tontest gewidmet sind, die restlichen 58 Minuten bleiben – auch 1957 guter Dada-Tradition verpflichtet – unverständlich.

Diese 1’40 Minuten eröffnen eine Anthologie, die keinem pädagogischen oder literaturhistorischem Prinzip verpflichtet ist, die nur eins will, dem Hörer vorzuspielen, was er hören könnte, wenn er nur wollte – lautmalerisch, rhythmisch, befreiend und voller Lalula. Als einziges Ordnungsprinzip bleibt die Chronologie der Tondokumente, ein Anlass mehr, jegliche Sinnstiftung zu vermeiden. Da knistert von ganz ferne die Stimme Wladimir Majakowskis mit Würden Sie denn von 1920, gefolgt von der futuristischen Schlachten-Malerei Marinettis 1924 – rrnn grrrnn, tam-tuuumb – mit seiner Battaglia di Adrianopoli, um dann ins urzivile Bayerisch zu verfallen: "Ich singe Ihnen jetzt ein ganz mieses Couplet vor." Man müsste Karl Valentin nicht verstehen, um zu hören, dass mit dieser Stimme kein Krieg zu führen ist.

"Über dieses Couplet können Sie und sollen Sie nicht lachen. Nur ich selbst. Ich selbst lache. Nach jeder Strophe." Und dann wiehert Karl Valentin, haaahaa, oder hustet ha-ha-ha-ha, kehltrocken und verzweifelt, und allein diese drei Minuten rechtfertigen die Erfindung des Grammofons. Lautmalerisches, Sprechgedichte, Klangtexte und Mundartiges versammeln die Herausgeber Herbert Kapfer und Wolfgang Hörner und vermischen Dadaismus und Futurismus, Beat-Generation und Kabarett. Alles, was zählt, ist der Klang, ist die Gewissheit, dass Papier hier hoffnungslos versagt.

"Fümms bö wö tää zää Uu, pögff, kwii Ee…", steigt Kurt Schwitters mit seiner Ursonate ein, 1932 aufgenommen, und schon diese 3’22 Minuten reichen aus, um sein Diktum zu verstehen: "Was Kunst ist, wissen Sie ebenso gut wie ich, es ist nichts weiter als Rhythmus." Wenn er dann seine Liebesdeklination An Anna Blume mit heller hannoveranisch gefasster Stimme vorträgt – "O du, Geliebte meiner 27 Sinne, ich liebe dir! Du deiner dich dir, ich dir, du mir – Wir?"–, will man mehr vom Malerdichter der Merzbilder und Merzcollagen hören.

Ein Wunsch, den eine andere Doppel-CD erfüllt, die sich allein Kurt Schwitters widmet. Bernd Rauschenbach, berufener Arno-Schmidt-Vorleser, macht sich an die Sonate in Urlauten, trällert und stakkatiert sich souverän durch 29 Minuten Alphabet – groß das Scherzo des 3. Satzes –, er lässt die Buchstaben singen, nicht zu witzig und keinesfalls kunsternst. (Das ganze Schwitters-Original gibt’s bei Wergo.) Enttäuschend allerdings die zweite CD, die manch müden Witz nach Altherrenmanier bringt und harmlosen Anti-Spießer-Humor als Kurzprosa verkauft. Nur "Lieder, die Dada sind" entkommen offenbar dem Kabarettduft, der auch andere wie Otto Nebel immer dann erfasst, wenn sie die Pointe suchen.

Zurück zum anarchistischen Lalula, zu jener wilden Wundertüte, die man einfach ausschütten möchte, um all ihre Schätze zu zeigen: Gertrude Stein, die Patin des Sample, mit ihrem If I Told Him, dem verständnislosen Picasso gewidmet, Raoul Hausmann, der Dadasoph, mit seinen Konsonanten-Miniaturen, die französischen Lettristen Maurice Lemaître und François Dufrêne mit Gedanken, die zu Buchstaben und damit zu Lauten werden müssen, verschluckte Schreie, die nach außen wollen. Manchmal ist man überrascht, wenn in Allen Ginsbergs Footnote To Howl das "Holy, holy" so schräg und weinerlich beginnt, wenn der Beat-Poet Brion Gysin den Rap vorwegnimmt und Ezra Pounds Mœurs Contemporaines von 1958 den Hörer gegen seinen Willen hypnotisiert.