Elias Canetti hielt einen Begriff vom Dichter hoch, welcher auf einer typischen Altehrwürdigkeit gründete. Die Kunst seiner Rede Der Beruf des Dichters bestand darin, dass die beschworene alte Würde nicht veraltet wirkte und dass sie auch nur wenig mit der grassierenden Literaturfrömmigkeit zu tun hatte. Ich bin ein Gegner solcher Frömmigkeiten, weil man sie ganz einfach heucheln kann und weil sie ein Spektakel anfeuern, von dem die Frommen behaupten, es wäre gerade ihnen fremd: Die Literaturfrommen sind von der Obszönität abhängig, sie bedürfen der Sünder; ihre Frömmigkeit will unbedingt auf Ausschweifungen hinzeigen, denen sich Autoren wie Bohlen oder Feldbusch verschrieben haben. Für mich bilden solche Autoren höchstens eine andere, "kulturell" interessante Welt, die aber mit der der Dichter nur die ewig gefeierte Buchmesse gemein hat.

Der Dichter, sagte Canetti, sei "Hüter der Verwandlungen" im zweifachen Sinn: Einerseits, indem er imstande ist, "zu jedem zu werden, auch zum Kleinsten, zum Naivsten, zum Ohnmächtigsten". Andererseits, indem er sich das literarische Erbe der Menschheit zu Eigen macht, das an Verwandlungen reich ist. Die Metamorphosen des Ovid seien, so Canetti, "eine beinahe systematische Versammlung aller damals bekannten, mythischen, ‚höheren‘ Verwandlungen", und das scheint mir eine der Perspektiven zu sein, aus der heraus man Ovid als einen zentralen Dichter des literarischen Erbes erkennen kann.

Die Metamorphosen erkennt der Fachmann, also der Gymnasiast, sofort: " Aurea prima sata est aetas, quae vindice nullo, /sponte sua, sine lege fidem rectumque colebat." Ja, aber was hat der Gymnasiast "sich" dabei gedacht, als er diese rückwärts gewandte und in der Geschichte der Menschheit so oft in die Zukunft projizierte Utopie übersetzen musste? Er konnte von dem Kraftakt der Fantasie und besonders von der Leichtigkeit, mit der er bei Ovid vorkommt, gar nichts verstehen. Es ist ein auf menschlicher Notwendigkeit beruhender Kraftakt, ein Menschengeschlecht in goldener Vorzeit anzunehmen, das keinen Rächer kannte und freiwillig, ohne Gesetz, Treue und Redlichkeit übte. Um selbst mehr von alledem zu verstehen, studiere ich ein Reclamheft: Michael von Albrecht, Ovid. Eine Einführung. Albrecht ist übrigens auch der Verfasser eines Buches, das sich in einem merkwürdigen, in einem mythischen Schwebezustand befinden muss: Seine Ovid-Interpretationen, im Jahr 2000 unter dem Titel Das Buch der Verwandlungen erschienen, sind weder lieferbar noch vergriffen. Das hat – in meiner Gegenwart – eine Buchhändlerin beim Verlag Artemis & Winkler telefonisch erkundet, und die einzige Hoffnung, um diese Mystifikation aufzulösen, bleibt, dass dieses Buch sich gerade im Neudruck befindet.

Albrechts Einführung in Ovids Leben und in seine Dichtung begeistert mich, weil das Buch erhellend ist und dabei ohne Illustrationen, ohne branchengemäßen Schnickschnack auskommt. Die Lektüre gibt einem eine Ahnung davon, was (Alt-)Philologie ist: ein mühsames, Freude spendendes Gewerbe, das sich immer noch Autorität genug zumisst, um sich niemandem anbiedern zu müssen. Ein Beispiel für das Erhellende: Einst habe ich in dieser Kolumne den Streit der Pallas mit Arachne referiert. Arachne war eine Webkünstlerin – der Göttin gleich eine Meisterin auf diesem Gebiet. Es kam zum Wettbewerb, der unentschieden ausging. Die empörte Göttin bestrafte Arachne mit einer Verwandlung: "Winzig wird der Kopf, und auch der ganze Körper ist geschrumpft; an ihren Seiten hängen dürre Finger statt der Beine; alles übrige beherrscht der Bauch; doch aus ihm entläßt sie einen Faden und übt ihre frühe Webkunst jetzt als Spinne aus."

Die Verwandlung, die man ja als das Beste an Menschenmöglichem wertschätzen soll, wird hier als Bestrafung eingesetzt. Darin aber ist (und gar nicht zufällig) Ovid weiter als Canetti. Aus Albrechts Kommentar erfahre ich, dass eines der Themen der Metamorphosen die Bestrafung "überheblicher Künstler" sei. Was das im Einzelnen bedeutet und ob man es auf Ovids eigenes Schicksal beziehen muss, kann ich noch nicht sagen. Aber die Binsenwahrheit ist ergreifend, dass es – gegen das Verwandlungspathos – Verwandlungen gibt, die ruinös sind. Das Pathos steht jedoch im Lichte, zuletzt, als Susan Sontag bei ihrer Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sagte: "Wer wären wir, wenn wir uns selbst nicht – wenigstens zeitweise – vergessen könnten? … Wenn wir nicht etwas anderes werden könnten, als wir sind?"