Mehr oder weniger ging es uns damals allen so. Als wir noch ziemlich jung waren. In den frühen sechziger Jahren. Und noch einige Jahre später. Noch ziemlich viele Jahre später. Oder wenigstens ging es mir so, wie Jörg Fauser das beschreibt: "Ich suchte nach Antworten in der Literatur. Ich fand manches Buch, das mich weiterführte. Keines von ihnen war nach 1945 auf deutsch geschrieben worden. So kam es, dass ich damals viel unterwegs war. In Amerika. In Russland. Im Orient. An manchem Rio Finale und in vielen Cafés Nirwana. Und hockte derweilen in einer winzigen Bude in einer deutschen Stadt und schrieb mein erstes Buch." Und: "Unser Lebensgefühl war von Amerika geprägt, ohne daß wir je dort gewesen waren oder hin wollten."

Dass er nie hin wollte, nehme ich ihm allerdings nicht ab. Das ist eine nachträgliche politisch korrekte Deklamation aus der Zeit des Nato-Doppelbeschlusses. Schließlich war Jörg Fauser Anfang der sechziger Jahre siebzehn, als er die amerikanische Literatur für sich entdeckt hat, und wenn man so jung ist, will man da hin, wo man sich Antworten erwartet. Man ist noch nicht so superschlau, dass man auf Tricks hereinfällt wie das Gerede, Literatur habe die richtigen Fragen zu stellen, nicht die richtigen Antworten zu geben. Literatur, die etwas taugt, ist eine Antwort. Dass sie daneben Fragen stellt, versteht sich von selbst. Was und wie wir schreiben ist genauso eine Antwort wie die Art und Weise, auf die wir leben. Oder der Versuch einer Antwort. Wenigstens wenn wir ein bisschen Bewegungsfreiheit haben.

Fauser wusste, dass auch das Schweigen eine mächtige Antwort sein kann. Das fast vollständige Schweigen Dashiell Hammetts nach 1934 imponiert ihm genauso wie Hammetts Verhalten in den fünfziger Jahren, als dieser "merkwürdig verquere" dünne Mann, "dieser amerikanischste aller Kommunisten (…) unter McCarthy lieber ins Gefängnis ging, als eine Aussage zu machen, die niemand geschadet hätte". Das hat gleichzeitig etwas von der Pfadfindermoral, von der wir alle nicht frei sind (schließlich ist das gar keine so üble Moral), und es ist natürlich auch verrückt. Und es ist wunderbar.

Es sind die Amerikaner, die ihn immer wieder beschäftigen – Hemingway, Kerouac, Algren, Bukowski, Russel Banks. Und die Kriminalschriftsteller, Briten wie Amerikaner: Chester Himes, Mickey Spillane, Chandler, Hammett, James Hadley Chase, Ross Thomas, Eric Ambler, John Le Carré. Am Anfang steht Joseph Roth.

"Demokratischer Realismus" hieß Jörg Fausers Konzept für das eigene Schreiben. "Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern", schreibt er in einer langen, mitreißenden Reportage über Hans Fallada. Das ist, natürlich, nur die Hälfte der Wahrheit. Aber es ist die Hälfte der Wahrheit.

Er liebt die Bücher der Leute, über die er schreibt, und er versucht immer wieder, durch die Bücher zu diesen Leuten durchzudringen, weil er Antworten sucht, weil die Literatur für ihn etwas mit dem Leben zu tun hat und nicht Teil einer intellektuellen Maschinerie ist. Manchmal – leider ist das so – versucht er dieses Leben spürbar zu machen, indem er alle anderen für tot erklärt – die anderen deutschen Autoren, die Kritiker (er präzisiert das leider nie, obwohl es Stoff dazu genug gegeben hätte), die jüngere Generation. Aber immer wieder findet seine Energie ihren Rhythmus, und dann ist in diesen Artikeln, Reportagen und Essays wieder der Jörg Fauser da, von dem man alles lesen möchte. Es ist ein starkes Ich, das hier über Literatur schreibt, keine Rezensionsmaschine. Wenn dieser Kopf, dieses Leben, mit einem Buch zusammenstößt, dann ist das fast immer interessant und oft mitreißend.

Jörg Fauser ist 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, bei einem Unfall ums Leben gekommen. In seiner Hommage für Joseph Roth nennt er Roth einen Mann auf der Durchreise, und etwas später, als es ums Verwursteln von Literatur geht, sagt er ganz ruhig und kalt: "Wir kennen das. Wir erwarten nicht mehr. Dies ist nicht unsere Welt." Diese Artikel zur Literatur sind Notizen von Jörg Fausers Durchreise. Seine Antwort. Ein Teil seiner Antwort. Seiner Welt. Vieles davon sieht so aus, wie wir es erwartet und meistens nicht bekommen haben.