Köln, Sex und Videoclips

Es gibt Romane, die wollen mit einem heftigen Ausruf bedacht werden, mit einem Beweis des Erstaunens, des Beeindrucktseins und des Nicht-an-sich-halten-Könnens. Tun wir der Taxifahrerin von Marcus Ingendaay den Gefallen und rufen: "Schräg, echt schräg der Roman!" – "Schräg", das meint eine Mischung aus Respekt und Kopfschütteln; Kopfschütteln über das Fremde, Wilde, Eigenwillige und nicht ganz Einsehbare. Und damit haben wir, bei allem Respekt, ein kleines Problem, lieber schräger Roman.

Das Problem verrät sich unfreiwillig schon im ersten Satz. Die Taxifahrerin, auf dem Weg zurück vom Flughafen Köln-Wahn in die Kölner Innenstadt, will gerade ihre alte Mercedes-Möhre bis zum Lenkradzittern beschleunigen, als sie eine Erscheinung, nein, nicht hat, sondern "sieht". In fast allen Religionen, nicht erst in der christlichen seit Paulus, hat man eine Erscheinung deshalb, weil dem Betroffenen die Erscheinung mindestens ebenso zugerechnet werden kann wie der Außenwelt. Sie einfach nur zu sehen hieße, dabei weitgehend intakt zu bleiben. Und so auch hier.

Sie sieht aus wie ein Klischee

Die Taxi fahrende Analphabetin Chris sitzt in ihrem alten Blechgehäuse, doppelt gepanzert in ihrer dicken, mit diversen halb legalen Waffen voll gepackten Lederjacke, und rahmt Bilder im Kopf. Entweder einen besonderen Moment des Alltags oder eins aus ihrer Lieblingsfernsehserie Xena, einem fantastischen Raumfahrtmärchen mit lauter streitlustigen Amazonen. So durchdringen sich in ihrer Bilderwelt ergreifende Konstellationen aus der Taxi-Nahwelt mit Schutz gebenden Fantasmen einer fernen SF-Welt. Sie ist gewappnet und souverän wie eine Weltraumherrscherin und sensibel wie eine Alltagspoetin. Deshalb weint sie auch gern und schmilzt dahin, oder sie schlägt zu und fährt davon.

Von ihr kann man sagen, was sie selbst vom einzigen Fahrer-Kollegen sagt, den sie respektiert, vom coolen Cajun Coyote, dem mit den grünen "shades" (farbigem Sonnenschutz) vor den Augen und vor der Windschutzscheibe: Er "schien zu wissen, dass er aussah wie das Klischee von etwas, das es eigentlich nicht mehr geben durfte". Warum nicht? Weil es aus allzu vielen Kinofilmen und Musikvideos bekannt ist. Das ist die eine Seite des Problems mit den Erscheinungen und Bildern: dass sie jederzeit abrufbar sind aus einem vertrauten Pop-Himmel und entsprechend nicht zur Individualisierung taugen, sondern bestenfalls zur Typisierung. Doch weil man darin die Bildernot und Bilderlust einer Leseunkundigen erkennt, ist dieses im Kino und der Genreliteratur gebräuchliche Verfahren noch weitgehend akzeptabel.

Was geschieht nun? Wir begleiten die Taxifahrerin Chris durch etliche Kölner Nächte. Sie ist lesbisch, liebt, um es im Jargon des Romans zu sagen, "dicke Titten", sie lebt allein, hat kaum Geld, um ihre leere, von einer Nuttenfreundin geplünderte Wohnung zu bezahlen, und neigt zu Gewaltausbrüchen in Gedanken, Worten und Taten. Und bei Gelegenheit von Letzteren, dem Zusammentreten eines Besoffenen, der ihr Taxi bepinkelt, lernt sie Gudrun kennen, die wie eine Erscheinung (!) aus einem großen schwarzen Daimler steigt und so hilflos wie erhaben durch den Unrat der nächtlichen Szene schreitet. Sie verliebt sich in den langen weißen Hals der "Hetera" und fährt sie scheinbar nach Hause, tatsächlich aber in die Katastrophe.

Diese letztlich mehrmonatige Fahrt in die Katastrophe ist der Roman. Gudrun ist nämlich verrückt, und sie ist ein Opfer, und sie ist stark, kalt und souverän, und sie ist Gefangene und Geschlagene, und sie ist reich, und sie ist aufrichtig und heimtückisch. Sie ist so ziemlich alles, was Chris anzieht, bis hin zu ihrem Geschlechtsteil, dem ebenso wie dem von Chris die heftigsten Spiele und intensivsten Beschreibungen gelten. Natürlich dient Gudrun wesentlich als Projektionsspender. Dazu muss Ingendaay aber die tatsächlichen Lebensverhältnisse der geschäftsfrauenhaft eleganten Schönen permanent verschleiern. Es geschehen die tollsten Geschichten, man erfährt eher gerüchteweise, dass sie ihr Kind beinahe umgebracht hätte, man wird Zeuge, wie sie von ihrem Bruder geschlagen wird, doch nie will sich das Ungefähre lichten, auf dass die verführerische Spannung für Chris und den Leser erhalten bleibe. Doch ebendies erzeugt auf Dauer Verdruss. Vom armen Kindchen bis zur Femme fatale dient Gudrun für jedes Bild.

Aufseiten Chris’ entwickelt sich die Sache eher umgekehrt. Nach und nach erfahren wir vom schwierigen Lebensweg der schon früh diskriminierten Junglesbe. Mutter lieblos und brutal, Vater früh und plötzlich verschwunden, buchstabenlos und gewalttätig, gescheiterte Sozialtherapien, als Taxifahrerin im Autarkiewahn, liebessüchtig und bis zur Selbstlosigkeit hingabebereit, darob ausgenutzt und auch von Gudrun fertig gemacht. Die Liebesleidenschaft ist die siegfriedhaft verwundbare Stelle. Doch spätestens wenn Chris mithilfe von Gudrun endlich alphabetisiert wird, haben wir der Stringenz zu viel und der freien Signale zu wenig. Hier rundet sich ein poppig-buntes, nein schrilles (oder schräges?) Lesbenmärchen allzu schön.

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Halb Lara Croft, halb "Tatort"

Man muss sich Chris wie eine Mischung aus Lara Croft und Tatort- Kommissarin Ulrike Folkerts vorstellen. Harte Schale, weicher, nun ja: rauweicher Kern, schließlich ist sie an allen weichen Stellen heftig gepierct. Doch wie sie sich durch ihre Bilderwelt aus (Asi- und Marienburg-)Köln, TerraX und lesbischem Swingerclub bewegt, das wirkt etwas grob zusammenkopiert. Nicht nur die populären und sexuellen Idolatrien sind das Problem, auch die etwas hilflose Art, diese mittels sprachlicher Heftigkeit und Tempo mit einer ergreifenden und glaubwürdigen Geschichte verbinden zu wollen. Literarisch erinnert dieser Versuch gelegentlich an David Foster Wallace, von dem der inspirierte Übersetzer Marcus Ingendaay etliche Geschichten ins Deutsche übertragen hat. Doch im Unterschied zu Wallace, dessen Figuren gewissermaßen säkulare Erscheinungen haben (ihr Wahn hat innere Konsistenz), bleibt Ingendaays Heldin intakt, selbst wenn sie, ans Bett gefesselt, in einem brennenden Raum liegt. Richtig außer sich gerät sie und für einige Seiten auch der Text eigentlich nur beim Sex. Denn das muss man anerkennend feststellen: Unter den gegenwärtig grassierenden pornografischen Exerzitien der mittleren Generation deutscher Schriftsteller liefert Ingendaay wohl das leidenschaftlichste. Ein Mann sieht Sex zwischen Frauen. Fast hat er ihn. Das immerhin ist schon was. Nämlich ziemlich schräg.