Angeboren kann es nicht sein, anerzogen eigentlich auch nicht. Wann hätte uns je einer eingeschärft, ans Telefon zu gehen, wann immer es läutet? Trotzdem empfinden die meisten Menschen einen fast körperlichen Zwang dazu. Nicht umsonst piesacken Filmregisseure ihr Publikum in dramatischen Momenten gern mit einem Telefon, das unaufhörlich klingelt.

Kaum weniger dramatisch sind die Szenen, die wir im eigenen Heim bisweilen aufführen, um mit müdem Kopf, vollem Mund oder rasierschaumbedecktem Kinn den Hörer noch rechtzeitig zu erreichen. Dank der mobilen Telefonie beherrschen solche Zwangshandlungen auch das öffentliche Leben – bereit, uns in jeder noch so unpassenden Situation zu ereilen. "Es könnte ja etwas Wichtiges sein", sagen wir dann verlegen in die Runde, das heißt: Unser Mienenspiel sagt es, denn unsere Stimme gehört ja bereits dem Anrufer. Und wir glauben es auch, jedes Mal wieder, als lebten wir noch in der Zeit, in der das Telefon wirklich den allerwichtigsten Mitteilungen vorbehalten war.

Schön für den Anrufer, könnte man meinen. Er dringt – vorbei an Vorzimmern und Warteschlangen – gleich zu seinem Gesprächspartner durch. Doch in den allermeisten Fällen währt dieses Privileg nur so lange, wie er braucht, um seinen Namen zu nennen. Dann schämt sich der Angerufene seiner Hektik und wird ruhiger, was der Anrufer nicht ganz zu Unrecht als schwindende Aufmerksamkeit interpretiert. Nun muss er sagen, was er will. Aber das ist ja nicht immer so einfach. Wer möchte schon sein Herz ausschütten, wenn der Zuhörer gerade im Kreis Grimassen schneidender Zechbrüder sitzt?

Also verschafft sich der umsichtige Anrufer zunächst ein Bild der Lage. Hilfreich sind die Hintergrundgeräusche. Wasserrauschen, Partylärm oder eine Stimme, die "Wer ist denn das?" sagt, legen nahe, sich kurz zu fassen. Man kann natürlich fragen, ob man stört, ist aber nach dem fast obligaten "Nein" auch nicht klüger als zuvor. Mehr verspricht ein "Wie geht es dir?" oder "Was tust du gerade?", das dem Angerufenen Gelegenheit gibt, seine Situation so zu schildern, dass der Anrufer seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Nicht immer ist so viel Feinsinn vonnöten. Manche Menschen verraten schon durch die Stimmlage, in der sie sich melden, genug über ihr Befinden. Andere bezähmen sich, bis sie wissen, wer anruft, um dann mit einem "Ach, du. Ja, was gibt’s denn?" dem Gespräch die erwünschte Wendung zu geben.

So bringt das Telefon brave Bürger gegeneinander auf, macht diesen zum Störenfried und jenen zum Rüpel. Entsprechend oft wurde schon nach technischen Lösungen für das Verständigungsproblem gesucht. Eine Weile half der Anrufbeantworter. Aber es dauerte nicht lange, bis ungeduldige Gläubiger und gemütskranke Verehrer aufs Geratewohl darauf sprachen, man solle sofort rangehen; sie wüssten doch, dass man da sei. Auch die Annehmlichkeit, den Namen des Anrufers rechtzeitig in der Anzeige des Handys zu lesen, funktionierte nur, bis jemand die Nummernunterdrückung erfand.

Wir müssen wohl selbst die Distanz schaffen, die gutes Benehmen mitunter braucht, indem wir den Zwang, jedes Gespräch anzunehmen, nach und nach überwinden. Wenn das Telefon ein Medium sei, meint der Philosoph Jacques Derrida, dann seien die Telefonstimmen die Geister. Also nicht bang machen lassen, wenn sie mit den Ketten rasseln. Sie haben keine Macht über uns, solange wir es nicht erlauben.

MICHAEL ALLMAIER