Super geht es mir, musst du sagen, mir fliegt alles zu, musst du sagen, ich habe drei Typen, die in mich verliebt sind, und mehrere große Projekte, musst du sagen. Verzagt lächelnd hört ein stilles Mädchen der Freundin zu, es ändert nichts, aber es tröstet. Balzac Coffee in der Schönhauser Allee, eine Kaffeehalle mit kolonialer Dekoration. Kommen und Gehen durch weit offene Türen. Hunde, Kinderwagen, Einkaufstüten. Zigarettenrauch verbündet sich mit dünnem Sonnenlicht zu einem Nebel flüchtiger Geborgenheit. Zwei Männer kümmern sich um ein Baby wie besorgte Mütter. Als der eine zur Bar geht, um Kaffee zu holen, nimmt der andere das Kleinkind auf den Schoß und knuddelt seine Beine, bis es juchzt. Der Mann hat ein dünnes Kinnbärtchen, sein Teint ist von milchiger Zartheit, der linke Fuß in Gips. Ihn wähle ich aus, er wird meine Bekanntschaft, es ist immer Zufall.

Man geht gern mal ins Café, wenn man einsam zu Hause sitzt und ein Buch schreibt, sagt Herr Brosig. Ein Buch! Worum geht es? Ich bin Zyniker, teilt Brosig mit, ich sehe die Welt wie durch eine Lupe, wie durch ein Teleskop; wenn man nah rangeht, erscheint einem alles lächerlich, der Mensch ist ein Nichts. Tim Brosig, 29 Jahre alt, kommt aus Lübeck, studiert im neunten Semester Tiermedizin und leidet an der Menschheit; Kaffeehaus und Weltschmerz sind noch immer ein schönes Paar. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist gering, behauptet der Veterinär und sendet lyrische Blicke, der Mensch ist eine biochemische Maschine. Ich bin enttäuscht, die Menschen machen alles kaputt. Aber ich bin nur noch auf rationale Weise enttäuscht, das Emotionale habe ich abgestellt.

Brosigs Freund geht derweil mit dem Baby spazieren, er kommt aus Kanada und versteht kein Deutsch. Mein Buch heißt Der Zyniker, fährt der Zyniker fort, es wird ein Roman, auf die Handlung kommt es mir nicht an. Es muss alles ganz genau sein, es geht um jedes Wort, für ein einziges Kapitel brauche ich Monate, um Schriftsteller zu werden, bin ich zu langsam. Ich werde es in kleiner Stückzahl drucken lassen und verschenken. Wollen Sie mal meine Collagen sehen? Brosig zieht eine Mappe mit Grafiken aus der Tasche, Brosig ist vielseitig, Saxofon spielen kann er auch. Was ist mit Ihrem Fuß? Angebrochen, bin vom Baum gesprungen, mit ein paar Glas Wein intus.

Balzac Coffee liegt an einer wilden Stelle der Stadt, legendär durch Berlin Ecke Schönhauser, den Defa-Film im Stil des Neorealismus. U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn, ein riesiger Blutspendebus und die Sirenen von Krankenwagen und Feuerwehr bestätigen lärmend: Hier ist Großstadt. Drinnen ist die Welt. Kenia, Brasília, Guatemala steht auf den Tüten mit den erklärtermaßen ehrlich erworbenen Kaffeebohnen. Ein Kolonialwaren-Laden mit Rap-Rhythmen im Lärm von Kaffeemaschinen.

Von mir selber bin ich natürlich auch enttäuscht, sagt der Zyniker, ich hätte gern Frau, Kind und Job, seine Augen suchen schwärmerisch das Weite. Ich kann ja noch nicht mal die Verantwortung für einen Hund übernehmen, fügt er resigniert hinzu und stippt die Spitze seiner kühn gebogenen Nase in den Schaum des Milchkaffees. Was ist wichtig für Sie, heute, in diesem Moment? Ich habe keine Freundin, bin zu schüchtern, um Mädchen anzusprechen. Es ist mein Schicksal, allein zu bleiben. Brosig gibt mir seine Telefonnummern: Rufen Sie mich an, wenn der Artikel erscheint, ich bin gern in der Zeitung!