Saarbrücken/Bildstock

Vielleicht muss man nach Bildstock fahren, 20 Bahnminuten von Saarbrücken entfernt, um die politische Übung zu verstehen, die Heiko Maas in den vergangenen Monaten vorgeführt hat. Im Rechtsschutzsaal von 1892, dem ältesten Gewerkschaftsgebäude Deutschlands, treffen sich an diesem Samstagmorgen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA) der saarländischen SPD. Rund 80 Frauen und Männer sind gekommen, unter ihnen viele Betriebsräte. Sie wählen einen neuen Vorstand, sie ehren schweigend ihre Toten, sie verfassen eine Solidaritätsadresse für 200 Kollegen, die in Kürze entlassen werden sollen. Und sie feiern Ottmar Schreiner.

Schreiner, der "Rebell", ist ihr Idol, seit er im Bundestag gegen die Gesundheitsreform gestimmt und Veränderungen der Hartz-Gesetze durchgesetzt hat. Eine Delegierte fragt ihn nur halb im Spaß, ob er nicht bei der nächsten Bundestagswahl für die SPD als Kanzlerkandidat antreten könne. Ein Idee, die Schreiner dann doch lachend verwirft. Auch Heiko Maas, der Vorsitzende der saarländischen SPD, kommt nicht umhin, Schreiner seine Reverenz zu erweisen. "Ottmar", sagt er und fällt vorübergehend ins heimische Idiom, "du besch he daheem. Du kannst dich auf uns genauso verlasssen, wie wir uns auf dich verlassen können. Ottmar, du musst weiter kämpfen!"

Heiko Maas ist 37 Jahre alt. Das ist ein gutes Alter für einen Sozialdemokraten, der schon vor drei Jahren erklärte: "Es wird in der SPD eine Zeit nach Gerhard Schröder geben." Damals war Maas gerade zum Vorsitzenden der Saar-SPD gewählt worden. Als Vorsitzender der saarländischen Jungsozialisten hatte er diesen Satz schon einmal ausprobiert. Im März 1995 lautete die Fassung allerdings: "Es gibt eine Zeit nach Lafontaine." Maas, der in Saarbrücken Jura studiert hat, war immer der Jüngste: mit 30 Jahren Staatssekretär, mit 32 Jahren Minister. Ihm gehörte immer die Zukunft. Was gestern war, diente auschließlich als Hintergrund: eine vergilbte Tapete, vor der die eigenen Zukunftsentwürfe umso heller strahlten.

Doch ausgerechnet jetzt, da er sich anschickt, den nächsten Schritt zu machen, hat ihn das Gestern eingeholt. Seit Anfang des Jahres hat Maas einen Partner an seiner Seite, von dem es heißt, er sei gleichzeitig sein Konkurrent. Oskar Lafontaine hat sich zurückgemeldet, nicht nur als Bild- Kolumnist und Schröders Quälgeist, sondern ganz leibhaftig in der saarländischen Landespolitik. "Ich würde gerne mithelfen, die nächste Landtagswahl zu gewinnen", teilte der Veteran, der an der Saar 13 Jahre lang regiert hatte, im Januar beiläufig mit. Wer es wollte, konnte das freundlich vorgetragene Angebot schon damals als Kampfansage verstehen. Aber galt sie auch Maas?

Der Parteivorsitzende habe das erste Wort, lautet die Formel, die Lafontaine seit jenem Interview im Januar unablässig wiederholt hat. "Wenn Maas antritt, ist er der Spitzenkandidat, und damit ist das Thema erledigt." Obwohl er sich damit formal an die Spielregeln hielt, die er mit Maas verabredet hatte, sah es so aus, als wollte Lafontaine es tatsächlich noch einmal selbst versuchen. Mal ließ er seine Zuhörer wissen, er sei – frei nach Helmut Kohl – "ein alter Schlachtgaul, der unruhig wird, wenn er die Trompete hört". Mal gab er den diskreten Hinweis, wenn Maas eine Kandidatur ablehne, kämen andere ins Spiel.

Maas hat dieses Spiel, das Lafontaine ihm aufgezwungen hat, mitgespielt. Aus Schwäche wohl – und aus Kalkül. Denn nur wenn die saarländische SPD das Verhältnis zu ihrem einstigen Übervater kläre, so seine Rechnung, habe sie im nächsten Jahr überhaupt eine Chance. Zu tief ist der Riss, den Lafontaines Rücktritt vor vier Jahren hinterlassen hat; zu groß die Gefahr, dass die CDU im kommenden Wahlkampf wieder Salz in die Wunde reibt. "In einer Partei", sagt Maas, "ist es wichtig, dass man mit den Strukturen arbeitet, die man hat." Lafontaine und seine Anhänger gehören in der Saar-SPD dazu. Deshalb telefoniert Maas seit Jahresbeginn ein-, zweimal die Woche mit ihm, er geht mit ihm essen, spricht sich ab, tritt gemeinsam mit dem 60-Jährigen auf. Aus der Nähe betrachtet, erinnert dieser Pas de deux an die höchst diffizilen Tanzschritte, die Angela Merkel nach der CDU-Spendenaffäre mit Helmut Kohl aufs Parkett legte. Maas versucht, Lafontaine durch Einbindung zu kontrollieren.

Genutzt hat ihm das bislang wenig. In den Umfragen, bei denen Maas bereits im Februar schlecht abschnitt, hat er weiter an Zustimmung verloren. "Kennen Sie die Geschichte vom Joint Venture zwischen Huhn und Schwein?", fragt ein Genosse, der Maas und Lafontaine gut kennt. "Das Huhn schlägt dem Schwein ein Joint Venture vor. Prima, sagt das Schwein, was wollen wir machen? – Ham and eggs, sagt das Huhn. Ich liefere die Eier, du den Schinken. – Das Schwein erschrickt: Aber dann bin ich ja tot! – Tja, sagt das Huhn, so ist das immer bei einem Joint Venture." Auch Maas bestreitet nicht, dass die ungelöste Führungsfrage bislang zu seinen Lasten geht. "Das ist der Preis, den ich für die Geschlossenheit der Partei zahlen muss", sagt er.