Das Duell zwischen einem Häuflein wackerer Eurokraten und einem Großaufgebot von Anwälten und Mitarbeitern des Softwarekonzerns Microsoft steht kurz bevor. Am 12. November werden sie sich bei einer mündlichen Anhörung in Brüssel streiten; David wie Goliath gerüstet mit zigtausend Seiten Akten. Seit gut fünf Jahren ermitteln die Brüsseler Beamten gegen den Riesen aus Redmond; seit dem August 2000 legten die EU-Wettbewerbshüter Jahr für Jahr schriftlich ihre Beschwerden vor. Jetzt soll, wie es in der Kommission heißt, Microsoft "die letzte Chance zur Besserung" gegeben werden. Anfang dieser Woche gingen bei der EU-Behörde die angeforderten Antworten des US-Konzerns ein.

Nach dem Hearing wird das Verfahren abgeschlossen: Einen Vergleich, einen Deal, durch den Microsoft 2002 dem Verfahren des US-Justizministeriums in letzter Minute entkam, lehnt die Brüsseler Behörde ab. EU-Kommissar Mario Monti sucht die Entscheidung, so oder so. Dem amerikanischen Unternehmen droht im schlimmsten Fall eine Strafe in Höhe von zehn Prozent des Jahresumsatzes, so steht es in den Vorschriften, die freilich die Kommission noch nie ausgeschöpft hat. Ein Prozent sei wahrscheinlicher, heißt es in Brüssel, das wäre mit rund 320 Millionen Dollar immer noch eine der höchsten Bußen, die bisher in Brüssel verhängt wurden. Freilich ließ Microsoft die Wettbewerbshüter längst wissen, dass man in diesem Fall spornstreichs vor den Europäischen Gerichtshof ziehen werde.

Am Anfang stand im Dezember 1998 eine Beschwerde des amerikanischen Computerherstellers Sun bei der Kommission. Microsoft, so der Vorwurf, enthalte Konkurrenten technische Informationen vor, die man für eine Vernetzung von Servern braucht. Das sind Netzwerkrechner, die im Hintergrund laufen. Brüssel forderte das Unternehmen von Bill Gates auf, genaue Angaben – die so genannten Quellcodes – über seine Software und die Schnittstellen zu Zentralrechnern offen zu legen, damit andere Anbieter überhaupt den Wettbewerb aufnehmen können. Am 3. August 2000 eröffnete die Kommission in diesem Punkt das Verfahren, weil, so ihr Vorwurf, Microsoft seine Informationen über Schnittstellen "nur auf parteiischer und benachteiligender Grundlage" an seine Konkurrenten weitergegeben hätte.

Ein Gerichtsdrama besonderer Art

Ein zweiter Vorwurf kam ein Jahr später hinzu: Der Windows Media Player, mit dem Videos auf dem Computer abgespielt werden können, ist eng mit dem PC-Betriebssystem Windows (Marktanteil rund 94 Prozent) verflochten. Die Kommission fordert nun, dass Microsoft den Media Player entweder aus Windows entfernt und getrennt anbietet oder die Möglichkeit eröffnet, das Betriebssystem mit Mediensoftware der Konkurrenz zu erwerben. In beiden Fällen muss die EU-Kommission hieb- und stichfest nachweisen, dass Microsoft den Wettbewerb ausschaltet. Allein der Hinweis auf die erdrückende Marktmacht des Software-Riesen genügt nicht.

In den Vereinigten Statten dauerte das Kartellverfahren gegen Microsoft, in dem das US-Justizministerium (DOJ) und 19 US-Bundesstaaten dem Unternehmen Verstöße gegen das Wettbewerbsrecht vorwarfen, über vier Jahre. Im November 2002 genehmigte Bundesrichterin Colleen Kollar-Kotelly schließlich einen Vergleich zwischen den Parteien. Diese Einigung sollte den Schlussstrich unter ein Gerichtsdrama der ganz besonderen Art markieren: Im April 2001 hatte Richter Thomas Penfield Jackson noch die Zerschlagung von Microsoft in zwei Unternehmen verfügt, in der Berufung war das Unternehmen dann erfolgreich.

Die kartellrechtlichen Querelen hielten dennoch an, da sich zunächst neun US-Bundesstaaten weigerten, den Vergleich zu akzeptieren, und schärfere Auflagen gegen Microsoft forderten. Inzwischen aber will nur noch Massachusetts den von der US-Regierung als "historischen Kompromiss" gepriesenen Vergleich anfechten. Die von Kollar-Kotelly gebilligte außergerichtliche Einigung sieht als Auflagen gegen Microsoft im Wesentlichen nur vor, dass das Unternehmen PC-Herstellern mehr Freiheiten bei der Installation von konkurrierenden Programmen auf Windows-Rechnern einräumen und zudem sicherstellen muss, dass Software von Rivalen reibungslos mit der von Microsoft zusammenarbeitet. Infolgedessen hat es Microsoft zwischenzeitlich PC-Herstellern und Nutzern von Windows XP ermöglicht, seine Software weitgehend zu verbannen und konkurrierende Anwendungen als Standard-Programme einzurichten – für EMail-Progamme etwa, Media-Player oder Instant-Messaging.

Die erhobenen Auflagen seien viel zu schwach und würden weder Microsofts "illegale Geschäftspraktiken" eindämmen noch den "Wettbewerb wieder herstellen", heißt es in der Klageschrift von Massachusetts. Der Generalstaatsanwalt des US-Staates, Tom Reilly, fordert daher ähnlich wie die Wettbewerbshüter der EU, dass Microsoft das Betriebssystem und Anwendungsprogramme noch weiter "entflechtet", diverse Windows-Schnittstellen für Entwickler offen legt und die Kommunikation von Servern mit Windows-Personalcomputern vereinfacht. Zudem soll Microsoft den Quellcode des "Internet Explorer offen legen" sowie die Programmiersprache Java des Konkurrenten Sun integrieren.