Der König im König Ödipus hat ihn noch nie interessiert. 1979 nicht, als Hans Neuenfels in Frankfurt schon einmal diesen Tragödien-Urstoff auf die Bühne brachte; und jetzt nicht, ein Vierteljahrhundert später, da er sich im Deutschen Theater in Berlin das Stück des Sophokles, in eigener Fassung nach Ernst Buschors Übersetzung, wieder vorgenommen hat. Der öffentliche Ödipus, die politische Dimension des berühmtesten Kriminalfalls der europäischen Theatergeschichte (Vatermord & Mutterinzest), die Frage, wie Wohl und Wehe einer Gesellschaft mit Schuld und Unschuld der sie Regierenden zusammenhängen: Darum ist es Neuenfels nicht zu tun. Es geht ihm einzig um die Privatperson Ödipus. Wie sinnlos, wie sinnvoll sind die Leiden des Individuums?

Gern sagt man diesem Regisseur ja nach, er reite auf den immergleichen sinistren "Psycho-Themen" herum. (Was bei anderen als "Kontinuität" des Interesses gilt, nennt man bei ihm daher "Obsession".) Wenn aber solche Fixierungen tatsächlich das Œuvre des heute 62-Jährigen prägen, dann sollte die Neugier umso größer sein, ob denn ein Neuenfelsscher Ödipus von 2003 sich von dem des Jahres 1979 überhaupt unterscheidet. Und wenn – wie?

In Frankfurt hatte Neuenfels mit Friedrich-Karl Praetorius einen Ödipus auf Mörder- und Wahrheitssuche geschickt, den die Kritiker, teils verblüfft, teils empört, als blondes naives "Jüngelchen" beschrieben, "Mamas spätpubertären Liebling" (Georg Hensel). So infantil und unbedarft wirkt Sven Lehmann in Berlin nicht, man hat es mit einem ausgewachsenen Mann zu tun. Und doch hat Neuenfels wieder keine imposante Figur im Sinn. Wie dieser Ödipus im hellen Sande hockt oder sich vor Karl Kneidls schwarzen Bühnenwänden, über die an diesem Abend immer wieder Filmsequenzen flimmern, meist unschlüssig herumdrückt: In seinem pyjamaähnlichen Leinenanzug wirkt er wie solider Durchschnitt, Alltagsformat. Seriös, respektabel, mehr nicht.

Ödipus 2003 ist eine Art Haus- und Jedermann. Nur als Telefon- und Tonband-User kommuniziert er mit der Außenwelt, bei Bedarf auch videogestützt. Palast, Polis, Volk – nichts davon ist hier zu sehen (den Chor hat die Regie auf hinzuerfundene Frauenrollen, Amme und Freundin, verteilt). Und sollte dieser Ödipus auch heroische Seiten haben, so führt sie der Regisseur uns weniger auf der Bühne vor als im Programmheft auf. Dort ist nachzulesen, dass er als dessen große Leis-tung die selbstverantwortliche Recherche begreift, das Negieren von bloßem "Schicksal". Darum bekommt Ödipus hier auch das letzte Wort. Neuenfels hat ihm, wenn auch mit geringer poetischer Fortüne, einen neuen Schluss angedichtet: "Keinen Millimeter meines Unglücks möchte ich missen… Denn endlich weiß ich klarsten Blicks, wer ich bin. Ich bin ich."

Woran liegt es, dass dieser modern konzipierte Menschentypus, angesiedelt irgendwo zwischen dem Autonomieanspruch eines neuzeitlichen Prometheus und dem resignierten Durchhaltewillen eines Camusschen Sisyphus, auf der Bühne so fad, so trivial aufgeklärt wirkt? Es sind die angestaubten ästhetischen Mittel, die Textgläubigkeit, das stellenweise stockkonventionelle Deklamieren. Manche Szenen wirken wie aus dem theaterhistorischen Museum: gerecktes Kinn und flammende Red’, blitzendes Aug’ und spitzer Schrei. Durch ganzkörperliches Zittern kämpft sich Edgar M. Böhlke als Teiresias, mit pathetisch aufgesetztem Gestammel sogar die große Elisabeth Trissenaar als Iokaste bis hart an die Grenze des manieriert Lächerlichen vor. Altes Stadt- und Dampftheater.

Weit spannender, wenn am Ende auch zwiespältig, bleibt der Eindruck der filmischen Einspielungen (Benedict Neuenfels). Alles nur Gesprochene, Erinnerte, Imaginierte kann über dieses Medium visualisiert werden – und so werden König Laios’ gewaltsamer Tod und die schwärenden Pestwunden ebenso ins Bild geholt wie die Angstträume oder das Liebesglück von Mutter und Sohn.

Das schafft zwar reizvolle Begegnungen und Konfrontationen zwischen Leinwand und Bühne – so, wenn sich beide Ödipusse, die Jugend und das Alter, stumm ins Auge schauen. Dann aber ertrinken die Bilder immer wieder in der schwülen Ästhetik eines Riefenstahlschen Körperkults. Und zuletzt, bei der zeremoniellen Peniswaschung, im blanken Bedeutungskitsch.