Diese jährlichen Treffen der Ostpreußen, Schlesier, Sudetendeutschen usw. sind pseudofolkloristische Veranstaltungen mit Trachten aus dem Quelle-Katalog, in denen das kollektive Vergessen gefeiert wird, wie bei einem x-beliebigen Heimatfest mit historischem Klimbim." Dieser Satz von Karl Markus Michel scheint Lichtjahre entfernt. Tatsächlich entstammt er einer anderen Epoche: dem vorletzten Jahr der Bonner Republik. Zwischen ihr und uns liegt die deutsche Einheit und die Geschichtspolitik Helmut Kohls. Deren Gipfel sollte bekanntlich die monumental aufgeblasene Skulptur Mutter mit totem Sohn von Käthe Kollwitz bilden, die in der Neuen Wache als Zentraler Gedenkstätte der Bundesrepublik an "die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" erinnert.

Wer mit Helmut Kohl gehofft hatte, die Sache habe sich damit endgültig erledigt, sah sich rasch zumindest um diese Hoffnung ärmer. Im Gegenteil – der Opferdiskurs hat nunmehr auch die Täter erreicht. So wartete jüngst Angela Merkel im Streit über das geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" mit der Forderung auf, "dass auch der deutschen Opfer gedacht" werde. Zugleich verwies sie auf den Zusammenhang von Vertreibung und deutscher Aufbauleistung nach dem Krieg. Es ginge vor diesem Hintergrund um die Realisierung "eines nationalen Projektes, ohne sofort wieder Gegensätze zu anderen Projekten zu konstruieren".

Auf jene "anderen" wird noch zurückzukommen sein. Zunächst einmal reiben wir uns verwundert die Augen, um festzustellen, was uns von jener Zeit trennt, in der Karl Markus Michel den zitierten Satz schreiben konnte: Das Kostümfest der Vertriebenen hat seinen Folklore-Look abgelegt und ist zur Pars-pro-Toto-Inszenierung deutscher Opferbefindlichkeit aufgestiegen.

Man mag darüber streiten, wie lange die neue Lust am deutschen Opferbild schon in der deutschen Brust schwelte. Auch ob sie, was wahrscheinlich ist, eine unausgesprochene Kollektivbefindlichkeit der nicht öffentlichen – aber auch nicht ganz privaten – "Nachkriegspsyche", ihrer einst von Alexander Mitscherlich diagnostizierten "Unfähigkeit zu trauern" darstellt. Erheblich ist für unseren Kontext allein der Augenblick, an dem sie die Couchecke, die Stammtische, die Klausuren der Gesinnungskreise verließ, um öffentlich, seriös und vor allem zu jenem ernsthaften Motiv der deutschen Selbstbeschreibung zu werden, mit dem Angela Merkel aufwartete.

Auch Deutsche reklamieren ein Recht auf Leiderfahrung

Zu welchen Fremdbildern das neue deutsche Selbstbild als Opfer der Geschichte führen kann, zeigt eine karikierende Fotomontage des polnischen Wochenmagazins Wprost nach der Polenreise von Erika Steinbach, der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen sowie der Stiftungsinitiative für das Zentrum gegen Vertreibungen. Die Karikatur zeigt Frau Steinbach in Naziuniform auf Kanzler Schröder reitend. Mochten sich auch einige der polnischen Gesprächsteilnehmer der von der Adenauer-Stiftung getragenen Begegnung zwischen Frau Steinbach und polnischen Kritikern des geplanten Zentrums von der süffisant-platten Karikatur distanzieren – das Misstrauen blieb. Es war offenbar auch für die Vorsitzende der Initiative so schockierend, dass sie inzwischen über eine Änderung des Programms der zentralen Dauerausstellung ihres Projektes nachzusinnen beginnt.

Ist damit die deutsche Opfer-Inszenierung schon wieder relativiert, kaum dass sie begonnen hat? Davon ist nicht auszugehen. Die Unterstützung für die Gedanken deutscher Opfer im europäischen Vertreibungskontext des Zweiten Weltkrieges – und wie immer deutlicher wird: im Kontext von Versailles – wird nicht nur durch die Riege der üblichen Verdächtigen betrieben. Neben Namen wie Baring, Habsburg, Stölzl und Wolffsohn ziert den vielfach verbreiteten Spendenaufruf zugunsten der Stiftung auch eine Reihe von Personen, die frei sind vom Odium, tagtäglich den Untergang des Abendlandes auszurufen. Persönlichkeiten wie Joachim Gauck, Peter Glotz oder Rupert Neudeck stehen nicht im Verdacht, sich deutscher Täter nicht mehr erinnern zu wollen. Mit einem Wort: Der deutsche Opferdiskurs – für die einen wahrscheinlich deutlicher im europäischen Kontext als für die anderen – ist Teil der deutschen Selbstwahrnehmung geworden.

Wie konnte er es werden? Gewiss gab es nicht jene einzige Ursache, nach der wir, monokausal fixiert, stets auf der Suche sind. Vielmehr brachte ein Bündel durchaus unterschiedlicher Motive den Opferdiskurs in Fahrt: Martin Walser hatte gewissermaßen die Tür geöffnet, als er die Instrumentalisierung des Opfergedächtnisses durch die NS-Opfer inkriminierte. Günter Grass hatte diese Tür passiert, als er die Lebensheldin und Lebenshelferin seines Werkes, Tulla Prokiefke, zum Opfer der größten Schiffskatastrophe der Geschichte, des Untergangs der Wilhelm Gustloff, machte und damit zur Zeugin der augenfälligsten Katastrophe des deutschen Flüchtlingselends. Mit anderen Worten, der literarische Seismograf der Ostpolitik Willy Brandts hatte womöglich rechtzeitig den deutschen Opferweg nach Westen gewittert, nämlich in jenem Augenblick, in dem dieser zum Bild des deutschen Opfers in der Splatter-Geschichte des 20. Jahrhunderts gerinnen konnte. Und vor und hinter ihm drängte durch dieselbe Tür die vermeintlich nie geschriebene, dann aber als offenbar nur vergessen bezeichnete und bald umso mehr gefeierte Literatur zur deutschen Opfergeschichte des Bombenkrieges.