An der Universität Tel Aviv gibt es ein Büro, in dem die Zeit rückwärts geht. Auf der linken Seite ein Sessel, der sein Drahtgeflecht offenbart, hinten ein Röhrenradio aus Omas Zeiten, und am Bücherregal lehnt eine Plastikuhr: Die Zeiger kreisen falsch herum, die Ziffern sind seitenverkehrt. Hinter einem winzigen Tisch sitzt ein Mann, der eigentlich 71 Jahre alt sein müsste. Aber Yakir Aharonov sieht aus wie 50, seine graumelierten Haare werden vom Nacken her schon wieder dunkel.

Schon bald, im Jahr 1998, wird Aharonov den Wolf-Preis bekommen, die höchste Auszeichnung für Physiker neben dem Nobelpreis. 1990 wird man ihn in die israelische Akademie der Wissenschaften berufen. 1974 wird er Werner Heisenberg treffen, 1957 Niels Bohr, den Vater der Atomphysik, der heute noch tot ist. Zum 18. Geburtstag wird man Aharonov zur israelischen Armee einberufen. Mit 13 und jünger wird er an Gott glauben, und mit fünf wird er dem Nachbarjungen ein paar Erdbeeren schenken, damit dieser ihm das Schachspielen beibringt.

Zurück in die Zukunft. Es erscheint uns absurd, die Geschichte auf den Kopf zu stellen. Menschen werden älter, nicht jünger. Doch was die Alltagserfahrung lehrt, soll in einigen Bereichen der Natur – in der Welt der Atome und Moleküle – nicht mehr gelten. Das jedenfalls glaubt Yakir Aharonov. Der Physiker will aus der Zukunft Schlüsse für die Gegenwart ziehen. Ein neuer Zeitbegriff muss her, fordert er, eine Neuinterpretation der modernen Physik.

Seine Ideen würden die meisten Physiker gern im Science-Fiction-Ordner entsorgen. Es gibt nur ein Problem: Yakir Aharonov, Professor für Theoretische Physik an den Universitäten von Tel Aviv und South Carolina, USA, ist eine Instanz in Sachen Quantenphysik. Vier oder fünf physikalische Phänomene sind nach ihm benannt worden, den Aharonov-Bohm-Effekt kennt jeder Physikstudent. Er wurde mit Preisen überhäuft. "Ich habe keine Zweifel, dass er mal den Nobelpreis erhält", sagt der Ulmer Quantentheoretiker Wolfgang Schleich. "Wer den Wolf-Preis bekommt, steht auf der Liste in Stockholm." Auch der ehemalige Chefredakteur von Nature, Sir John Maddox, hat Aharonov für den Nobelpreis vorgeschlagen.

Der Physiker aus Tel Aviv bekommt von alledem nicht so viel mit. Er hat keinen Computer und keine E-Mail, und er liest keine Fachzeitschriften. Wenn er zu internationalen Konferenzen eingeladen wird, wohnt er in einem anderen Hotel als die Kollegen und erscheint meist nur zu seinem eigenen Vortrag. "Ich will nicht verseucht werden", sagt er. Das ist nicht wörtlich gemeint: Sein Büro ist vernebelt von Zigarren- und Pfeifenqualm. Er sagt nicht viel, Überflüssiges schon gar nicht, seine Gesten sind sparsam. Manchmal schmunzelt er kumpelhaft. "Ich bin ein Sabre", sagt er in so einem Moment. Nach diesem Kaktus werden Juden benannt, die in Israel geboren wurden. Außen stachelig und innen weich.

Aharonov kam 1932 in Haifa zur Welt, ein Jahr bevor Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und Paul Dirac in Stockholm den Nobelpreis entgegennahmen. Die drei Physiker hatten nach Albert Einstein und seiner Relativitätstheorie die zweite große Revolution der modernen Physik mit angezettelt: die Quantenphysik. Diese Theorie beschreibt so ziemlich alles, was die Natur zu bieten hat – Atome, chemische Reaktionen, elektrischen Strom, Licht. Die Quantentheorie gilt heute als die am besten bestätigte physikalische Theorie. Sie hat nur einen Schönheitsfehler. Sie überfordert alle Vorstellungskraft.

Darüber klagte schon Erwin Schrödinger, als er mithilfe der Quantentheorie eine tot-lebendige Katze postulierte. Albert Einstein konnte sich mit der Theorie nie anfreunden. Er ärgerte sich über die Vorhersage von geisterhaften Fernwirkungen, über die weit voneinander entfernte Teilchen in Kontakt standen. Außerdem mokierte er sich darüber, dass die Quantenphysik nur Wahrscheinlichkeitsaussagen erlaubt: "Gott würfelt nicht!" Trotzdem fand man nie einen Fehler in der Theorie. Doch ist sie so abstrakt, dass sogar der Nobelpreisträger Richard Feynman 1965 resignierte: "Niemand versteht die Quantenmechanik."

Blick durchs Schlüsselloch