Krieg ist ein Geschäft, auch für Verlage. Bereits wenige Wochen nach dem Sturz Saddam Husseins sind die ersten Bücher über den Irak-Krieg erschienen. Autoren sind Fernsehjournalisten, die während des Krieges in Bagdad ausgeharrt haben. Durch diese Kombination aus Krieg, Schnelligkeit des Erscheinens und fernsehverursachter Bekanntheit der Autoren versprechen sich die Verlage hohe Auflagen. Vielleicht zu Recht. Der wissenshungrige Leser jedoch wird meist enttäuscht. Er findet in diesen Büchern kaum etwas, was er nicht schon aus der täglichen Medienberichterstattung kennt. Die auf den Markt geworfenen Tagebücher leben vom Drama des Krieges und nicht von Einsichten in größere Zusammenhänge. Sie sind im besten Falle gedrucktes Fernsehen.

Nun hat auch der ZDF-Korrespondent Ulrich Tilgner ein Buch über den Irak-Krieg vorgelegt. Bescheidenheit und Zurückhaltung sind sein Programm. "Es geht nicht um Bilder, die in meinem Kopf hängen geblieben sind und nun wie zur Bewältigung in einem Tagebuch präsentiert werden. Solche Erinnerungen sind keine verlässliche Quelle, sie können allzu leicht Teil einer Selbstinszenierung werden."

Um es gleich zu sagen: Tilgner löst sein Versprechen ein. Der Ton, der sich durch das gesamte Buch zieht, ist wohltuend unaufgeregt. Niemals wirkt der Autor aufdringlich, auch nicht dann, wenn er seine eigene Lage in Bagdad beschreibt. Immer ist er um ein Gesamtbild bemüht, immer ist er sich auch der "Beschränktheit" seines Blickes bewusst. Ohne Scheu schreibt er Sätze wie: "Das kann ich nicht beurteilen…", oder "Ich bin mir nicht sicher, aber es kommt mir vor…" Diese Einschränkungen schwächen Tilgners Aussagen nicht ab. Im Gegenteil: Sie verstärken die Glaubwürdigkeit des Geschriebenen, weil da einer nicht behauptet, alles zu wissen und alles zu verstehen.

Dabei weiß der Autor viel. Er kennt seinen Stoff und demontiert einige Kriegsmythen, zum Beispiel die angeblich vom Regime im Falle einer Invasion angedrohte Zerstörung der Ölquellen. Tilgner äußert die begründete – und im Buch übrigens gut belegte – Vermutung, dass es diese Absicht nie gegeben habe. Trotzdem ziehen die USA die Phantombrände als Begründung für ihre Kriegstaktik heran: "Ihre Eile beim Einmarsch in den Irak begründet Verteidigungsminister Rumsfeld damit, die Zerstörung der Ölquellen müsse verhindert werden. Es bleibt der Verdacht, dass die USA sich als Wohltäter der irakischen Zivilbevölkerung aufspielen wollten, indem sie angeblich irakische Bodenschätze gegen Sabotageakte des Regimes verteidigen."

Ein ganze Reihe von Annahmen, Begründungen und Behauptungen über den Krieg hinterfragt Tilgner auf der Grundlage seiner eigenen Recherchen. Als Ergebnis bleibt die Erkenntnis, dass Journalisten Teil der Kriegsstrategie sind – eine eigene Front für die Generäle. So neu ist das freilich nicht. Aber neu ist die Verfeinerung der Desinformation und der Manipulation. Damit wachsen die Herausforderungen an den Journalismus. Tilgners Arbeit ist der Beweis, dass seriöses journalistisches Handwerk mehr denn je gebraucht wird. Das Buch bringt uns ein Stück voran in unserem Verständnis der vom Krieg gebeutelten Welt. Und was mehr sollte man vom Journalismus erwarten?