Kein Passagierzug von Calgary in die Rockies? Da muss sich die energische Dame im Reisebüro aber irren. Doch sie beharrt: "Schon seit den Siebzigern nicht mehr. Wir Kanadier nehmen lieber das Auto. Es gibt ein paar Termine, an denen könnten Sie mit einem nostalgischen Luxuszug in Richtung Lake Louise und Banff fahren. Aber sonst sind auf den Gleisen nur noch Güterzüge unterwegs."

Längst sind aus den Bahnhöfen der beliebten Touristenziele Restaurants geworden. Und das, obwohl Lake Louise und Banff der Canadian Pacific Railway ihre Existenz verdanken. Nicht nur sie, sondern letztlich ganz Kanada als Nation: Weil die Rockies als gewaltiger Riegel die Westküste isolierten und British Columbia den Amerikanern in die Hände zu treiben drohte, musste die junge Föderation 1871 eine Bahnlinie von Küste zu Küste in Aussicht stellen, um die damalige britische Kolonie für Kanada zu begeistern.

Das große Schienenlegen erlahmte am Fuß der als unüberwindbares no man’s land geltenden Rocky Mountains und kam erst wieder voran, als ein Visionär die Verantwortung übernahm. Sir William Cornelius Van Horne, dem Ehrgeiz noch radikaler verfallen als der Architektur und gutem Essen, trieb als Direktor der Canadian Pacific Railway Company (CPR) mehr als 5000 Arbeiter unerbittlich voran, bis am 7. November 1885 der letzte Nagel in eine Schwelle der Transkontinentalstrecke gehämmert werden konnte. Für den Bau von Tunneln blieb bei dieser Tour de Force keine Zeit. Stattdessen nahm man Gefälle bis zu vier Prozent in Kauf – mehr als das Doppelte dessen, was im Eisenbahnverkehr als steil gilt.

Vom Komfort der großen Ocean-Liner verwöhnte Luxusreisende zählten zu den ersten Passagieren. Nur feinstes Porzellan, Leinen und Silber kamen für sie auf die Tische der Dining-Cars. In den Rockies jedoch drohten die Champagnergläser ins Rutschen zu geraten. Die Steigungen erwiesen sich als zu heftig für Van Hornes "Grandhotels auf Rädern". Man musste bis zu fünf Loks einsetzen und die tonnenschweren Speisewagen zurücklassen. Sie wurden durch Dining-Stations ersetzt, die Van Horne an landschaftlich besonders reizvollen Punkten inmitten der Gebirgseinsamkeit errichten ließ – als Holzbauten im alpinen Swiss Chalet Style mit bescheidenen Übernachtungsmöglichkeiten für Personal und gelegentliche Gäste.

Und wieder erwies sich der Big-Railway-Chief als Mann mit Visionen. Er beschloss, die Rockies als " fifty Switzerlands in one " zu promoten, schickte Fotografen und Maler los, um die majestätische Bergwelt ins Bild zu setzen. Seit der Besteigung des Matterhorns anno 1865 waren die Alpen zu einem der begehrtesten Touristenziele aufgestiegen. Viele viktorianische Reisende lasen Henry Thoreau und suchten die charakterbildende Konfrontation mit zivilisationsferner Natur. Während in Europa alle wichtigen Gipfel bezwungen waren, warteten auf den Reisenden in den Rockies die Erstbesteigungen dutzendweise: Geben Sie einem Berg Ihren Namen!

Am Fuß der steilen Big-Hill-Bahnstrecke wurde 1886 Mount Stephen House als Restaurant eröffnet, wenige Monate später das Glacier House am Rogers Pass. Manche Gäste verließen diese Dining-Stations allerdings hungrig, weil versehentlich zwei Züge gleichzeitig eingetroffen waren. Andere wollten erst nach Tagen wieder weg, weil ihnen die spektakuläre Gebirgslandschaft zu schade schien als bloße Kulisse für von Fahrplan und Eile diktierte Dinnerpausen. Wer Wanderungen ohne Pfad und Karte nicht scheute, konnte bald eins der 15 Zimmer buchen.

"Vom Klettern hatten viele Besucher damals wenig Ahnung", meint Keith Webb, der seit einigen Jahren als Bergführer arbeitet. Sein Revier ist die Region um Lake Louise, die mit dem gleichnamigen Hotel schon in den zwanziger Jahren Glacier House als Zentrum des kanadischen Alpinismus ablösen sollte. Im Rücken den von außen an ein Nobelgefängnis erinnernden Betonbau des Hotels Chateau Lake Louise, deutet der bärtige Bergfex auf den Gipfel des Mount Lefroy, der 3423 Meter hoch über dem Türkisblau des berühmtesten aller kanadischen Gletscherseen aufragt: "Dort oben ist der als erfahren geltende amerikanische Bergsteiger Philip Stanley Abbot im August 1896 auf ein loses Felsstück getreten und abgestürzt. Es war der erste tödliche Unfall in der Geschichte des nordamerikanischen Alpinismus, und er führte dazu, dass die Eisenbahngesellschaft Schweizer Bergführer in die Rockies importierte."

Keith holt eine Broschüre aus dem Rucksack und zeigt auf ein Foto aus dem Jahr 1899: "Die ersten beiden Schweizer, gestandene Mannsbilder aus Interlaken, haben ganz schön Aufsehen erregt, als sie mit Knickerbocker, Tweed-Jackets und Krawatte auftauchten, das Kletterseil über der Schulter und immer eine Pfeife im Mund." Innerhalb von 50 Jahren haben Christian Häsler, Edouard Feuz und ihre später eintreffenden Kollegen mehr als 250 Erstbesteigungen geführt – ohne jeden Zwischenfall.

In manchen Treppenaufgängen des Chateau Lake Louise hängen heute noch Porträts eispickelgerüsteter Abenteurer aus den Pionierjahren des kanadischen Alpinismus – neben Fotos des im Tudor-Stil gehaltenen ursprünglichen Hotelbaus aus den Jahren von 1899 bis 1912, der 1925 nach einem Brand komplett durch eine "neunstöckige italienische Betonvilla" ersetzt wurde. Seit dem hundertjährigen Jubiläum der Swiss Guides im Jahr 1997 wird den Gästen wieder Schweizer Begleitschutz angeboten. Aber die meisten scheuen die Mühen des Aufstiegs. Vor allem bei den zahlreich vertretenen Asiaten gipfeln die Ambitionen meist im Sich-reihum-Fotografieren mit dem Lake Louise als Hintergrund.

Im Juli und August wimmelt es von Hotel- und Tagesgästen, sodass Letzteren zum Chateau nur bedingt Zugang gewährt wird. Nicht jeder kommt dann im Sommer in den Genuss des million dollar view durch die Rundbogenfenster der Lakeview Lounge und der Lobby Bar. Eine Wintersaison riskierte das Hotel nach einem wenig erfolgreichen Versuch in den Siebzigern erst wieder, als die Olympiade von Calgary 1988 Banff/Lake Louise als größtes Skigebiet Nordamerikas weltweit bekannt machte.

Im Winter kommen Familien, im Sommer überwiegen Durchreisende auf großer Kanada-Tour und Kongressbesucher. Dann versammeln sich Computerverkäufer im Victoria Dining Room oder den Lounges mit ihrem typischen Stilmix aus hochherrschaftlicher Monumentalität und bürgerlicher Gemütlichkeit: Austrian Biedermeier, schwere Teppiche, blumige Wandmalerei. Im Juni 2004 soll gleich nebenan ein umstrittenes Konferenz-Zentrum eröffnen – noch mehr Beton mitten im Nationalpark, zwei Autostunden von Calgary entfernt.