Während die SPD in den Umfragen tief und tiefer stürzt, hebt ein vielstimmiger Missklang der Interpretationen und Ratschläge an. Es fehle die "frohe Botschaft", bemängelt da der SPD-Fachmann Franz Walter. Sozialkürzungen würden "als Ziel von Politik wahrgenommen", klagt Hans-Ulrich Klose, der Außenpolitiker der SPD im Bundestag. Ein Kommentator der FAZ greift sogar zu der These, Schröder sei eben doch kein Medienkanzler, wie ihm immer unterstellt werde – denn anderenfalls läge die SPD in den Umfragen "nicht bei 25 Prozent, sondern bei 45".

Gemeinsam scheint diesen Experten der Wunsch zu sein, einen auf den ersten Blick rätselhaften Befund zu erklären: Eine Bundesregierung macht sich an die Lösung drängender Probleme, sie überwindet die Widerstände im eigenen Lager (kommt dem politischen Gegner also weit entgegen), sie verabschiedet ihre Reformen sogar im Wesentlichen im Konsens mit der Opposition – und stürzt doch in den Umfragen ab. Wie ist das möglich?

Wer meint, eine Antwort auf diese Frage müsse von Arbeitslosen, Renten, Steuern und Sozialkürzungen handeln, der sei für einen Moment auf die Arbeit von Forschern verwiesen, die man die "Strukturalisten" unter den Experten für Volkes Stimmen und Stimmungen nennen könnte. Sie versuchen, aus der Fülle der demoskopischen Einzeldaten das Regelmäßige herauszudestillieren. Und siehe da, schon damit lässt sich einiges erklären.

Fragt man Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen nach der Krise der SPD, so entgegnet er, dass die Deutschen eben "in der Tendenz immer bürgerlicher" würden. Ohne Kohl wäre der Sozialdemokrat Schröder in diesem unseren Lande nicht an die Macht gekommen, ohne Flut und Irak hätte er sie nicht behalten. Was die Demoskopen derzeit verzeichnen, wäre demnach nicht mehr als der fällige Einbruch eines kurzfristig überbewerteten politischen Unternehmens an der Meinungsbörse. Eine gleichermaßen erfolgreiche und beliebte rot-grüne Bundesregierung im zweiten Jahr ihrer zweiten Legislaturperiode – das wäre aus dieser Perspektive ein erklärungsbedürftiges Phänomen. Schröders Absturz ist nur der Normalfall.

Natürlich wurde Jungs Sicht der Dinge für diese kleine Skizze kräftig überspitzt. Aber die Strukturalisten (zu denen er sich noch nicht einmal zählen würde) haben differenziertere Erklärungen zu bieten. Schon Anfang 2001, lange vor Schröders Absturz, hat Jungs Kollege Dieter Roth in einem Aufsatz, wenn auch mit Fragezeichen, auf ein mögliches "Ende der Regierungsstabilität in Deutschland?" hingewiesen. Vieles, was er damals schrieb, liest sich heute wie eine zutreffende Prophezeiung.

Sozialreformen werden bei Roth nicht erwähnt, ihm geht es um Phänomene wie den Zerfall der Kernmilieus beider Volksparteien – gewerkschaftlich organisierte Facharbeiter hier, katholische Kirchgänger dort –, die launischen und politisch eher desinteressierten Wechselwählern Platz machen. Es geht um die geringe Unterscheidbarkeit der Parteien, die einander in ihrem Werben um diese schwankende Mehrheit immer ähnlicher werden (weshalb kleine Unterschiede große Wählerbewegungen auslösen können). Und es geht um die Personalisierung und Medialisierung der Politik, die Kandidaten für Spitzenämter zum Aufbau und zur Pflege von Images zwingt (weshalb eine neue Generation von Politikern einer Oppositionspartei kaum je im ersten Anlauf den Wechsel schaffen wird, im zweiten aber gute Chancen hat, weil die Regierungspolitiker gewöhnlich spätestens zu diesem Zeitpunkt "verbraucht" wirken).

Zusammen erklären diese Phänomene aus Roths Sicht ein ziemlich beharrliches Muster im Auf und Ab der deutschen Stimmungskurven: Nach der Wahl verliert jede Regierung "spätestens im zweiten Jahr" an Popularität, schreibt er, um sich im Wahljahr wieder zu erholen. Nach acht Jahren sind die Bilder des jeweiligen Regierungspersonals in der Öffentlichkeit verblasst; wenn der Kanzler dann nicht, beispielsweise, die weniger desillusionierte Wählerschaft einiger neuer Bundesländer für sich einnehmen kann, ist Schluss.

Aber lässt sich auf diese Weise ein so dramatischer Absturz erklären, wie die SPD ihn zurzeit erleidet? Nun, der Zerfall der Milieus schreitet fort, könnte man mit Roth entgegnen. Die Wechselwähler werden mehr. Und das Land, würde Matthias Jung ergänzen, neige eben doch mehr dem bürgerlichen Lager zu. So hätte man Schröders Absturz schon fast erklärt – und dabei von der Wirtschaftslage, von Reformstreit und Wahlbetrug, kurzum: von der tagespolitischen Agenda 2002 ff., noch gar nicht geredet.