Es muss nicht immer Mallorca sein und das Gedränge in Saint-Tropez schon gar nicht. Denn mitten in Europa existiert eine Nische von berückender Schönheit, die nicht überfüllt, nicht vulgär und nicht schwer zu erreichen ist. Dort findet der Tourist alles, was er von einem angenehmen Urlaub erwartet, nur keinen Sandstrand und kein Meeresrauschen. Diese Nische nennt man Schweiz.

Es ist verblüffend, welche Kleinodien an Landschaft man entdeckt, wenn man mit offenen Augen abseits der Autobahnen durch das Land der Tunnel und Kurven fährt. Und es ist beruhigend zu registrieren, dass die Gastronomie der Schweiz stolz auf ihre alten Traditionen zurückblickt. Das verhindert zwar nicht, dass der Trend der letzten Jahrzehnte, alte Gewohnheiten und Häuser zu verändern, genauso oft schief gegangen ist wie in anderen Ländern Mitteleuropas. Aber da sie in den letzten 100 Jahren so viele Gaststätten und Hotels gebaut haben, ist die Zahl des vor ästhetischer Vernichtung Geretteten erfreulich hoch.

Ebenfalls positiv verändert hat sich nach meiner Erfahrung das Verhältnis der Schweizer Gastronomen zu ihren Gästen. Seit diese nicht mehr automatisch und aus Gewohnheit kommen, geben sich die Wirte mehr Mühe, die Köche kochen besser, die Kellner sind freundlicher und die Preise nicht immer gleich rekordverdächtig. Trotzdem ist eine Woche Schweiz nicht billig. Dafür ist das Publikum besser als anderswo: Es läuft nicht am hellen Tag in der Unterwäsche durch die Gegend.

Eine Gastronomie, die nicht von Spartouristen heimgesucht wird, hat es gut. Und wenn sie dann noch einen See vor den Fenstern hat, hinter dem sich Dreitausender recken, bedarf es nur noch eines Hausherrn von der gastlichen Statur eines Toni Mittermairs, und das Haus hat Stammgäste seit Jahrzehnten und ist ständig belegt. Für mich ist sein Hotel Victoria in Glion über Montreux ein Juwel.

Natürlich ist es luxuriös. Aber es hat Eigenarten, die im Einheitsdekor der Luxusklasse einmalig sind. Da ist die viktorianisch möblierte Halle, da sind die mittelalterlichen Genrebilder im Speisesaal, was zusammen genommen als exzentrisch bezeichnet werden kann. Doch es ist eine liebenswerte Schrulligkeit, die dem Hotel Victoria jene private Atmosphäre verschafft, die von anspruchsvollen Gästen immer gesucht, von den Hoteliers jedoch selten geschaffen wird. Wie ein guter Koch den Herd nicht verlassen darf, so sollte auch der Direktor eines Hotels nie unsichtbar sein. Toni Mittermair gibt seinen Gästen das luxuriöse Gefühl, zu Hause zu sein. Natürlich ist auch die Küche des Hauses so gut, dass ich es hier tagelang aushalten kann.

Für den Rückweg nach Deutschland wählte ich die Panoramastrecke über Aigle nach Interlaken und Gstaad bis Luzern. Da gibt es die Schweiz in ihrer ganzen Pracht mit den teuren Chalets und den blitzblanken Ortschaften zu besichtigen und viel am Lenkrad zu drehen.

Luzern liegt am Vierwaldstätter See, hinter dem wieder einmal gewaltige Berge die Kulisse bilden, an denen sich Freeclimber und Ballonfahrer abrackern. Ebenfalls nicht unbekannt ist in Luzern die hölzerne Brücke aus dem Mittelalter, die zwei Stadtteile miteinander verbindet.

Über diese Brücke schlenderte ich nach einem Abendessen im Wirtshaus Galliker und war dem Geist von Wilhelm Tell dankbar, dass er über solche Institutionen wacht. In dieser urigen Wirtschaft ist nichts hässlich, weil seit 100 Jahren nichts renoviert wurde. Das gilt auch für die Speisekarte, auf der Kutteln und andere einfache Dinge vom Leben in den Bergen künden. Die kann man mit dem einheimischen Volk zusammen an langen Holztischen essen oder im Nebenraum unter den Porträtfotos der Familie Galliker.