Heute wollen wir uns der Anthropologie zuwenden, nämlich dem hiesigen Stamm der Wort-Verwalter in Medien und Verlagen. Fast unbehelligt hat diese Horde eine Sprache erfunden, die außerhalb Deutschlands niemand kennt. Es handelt sich um das "Amerikanische", wie in der Formel: "Übersetzt aus dem Amerikanischen." Zuletzt wurde diese "Unart deutscher Besserwisser" von Dieter E. Zimmer mit dem gebotenen Hohn gegeißelt (ZEIT Nr. 44/92). Inzwischen hat sich "das Amerikanische" so heftig vermehrt wie das Regularium deutscher Behörden, also exponentiell. Wie sehr das Absurde zum Normalen geworden ist, zeigt ein Interview mit Ariel Scharon, das die Welt gerade von einer US-Zeitschrift übernommen und prompt mit dem Zusatz "A. d. Amerik." versehen hat.

Bekanntlich ist der Mann in Israel geboren, hat ein Jahr in England verbracht und spricht deshalb " Not So Good English", wie es millionenfach rings um die Welt praktiziert wird. "Amerikanisch" spricht man nur in Deutschland; in den USA wie in Kanada parliert man Englisch, lernt man Englisch auf der High School, studiert man die Landessprache im Department of English, wiewohl dort auch American literature gelehrt wird.

"Amerikanisch" wird anders ausgesprochen als "Englisch"? Das trifft auch für "Österreichisch" und "Schweizerisch" zu; trotzdem schmückt niemand in Amerika ein Buch mit " Translated from the Austrian". Deshalb gibt es (jenseits von der Akzentbeschreibung) kein Irisch, Kanadisch, Südafrikanisch oder Australisch. Bekanntlich wird Aussprache nie mitübersetzt. Slang ja, trotzdem wird Trainspotters a. d. Engl. übertragen.

Warum wird den Amerikanern hartnäckig "Amerikanisch" in den Mund geschoben? Ist es die unbewusste Zuschreibung kultureller Inferiorität ("Wir haben eine Kultur, die Amis bloß eine Zivilisation")? Oder wollen unsere Sprachverwalter mit "Amerikanisch" den geografischen Ursprung eines Werkes kennzeichnen? Dann mögen sie es mit der gebotenen Pedanterie tun. Dann muss Scharon "israelisches Englisch" angehängt werden, Brendan Behan "irisches Englisch", Ionesco "rumänisches Französisch", Joseph Conrad "polnisches Englisch", Vargas Llosa "peruanisches Spanisch". Und allen anderen, die des Englischen nicht mächtig sind, die meistbenutzte Sprache überhaupt: Bad English.

Auch das ist nicht pedantisch genug. Walker Percy muss aus dem "alabamisch-amerikanischen Englisch" übersetzt werden, Isaac Bashevis Singer aus dem "jiddisch-polnisch-hebräischen Amerikanisch" – und Shakespeare selbstverständlich aus dem Elisabethanischen Englisch (das selbst der Muttersprachler nur mit einem dictionary in der Hand verstehen kann). In welcher Sprache errang V. S. Naipaul den Nobelpreis? In "oxfordischem Trinidadisch".

In einer der nächsten Beiträge wollen wir uns einem anderen Begriff zuwenden, dem "US-Amerikaner", den es auch nur am Standort D gibt. In der Sprache der Politphilologie lautet die Frage: Warum sprechen die Yankees "Amerikanisch", obwohl sie doch nur "US-Amerikaner" sind?