Die Sonne geht bildschön unter, am Himmel der griechischen Kykladeninsel Antiparos. Doch die acht Urlauber, die auf der Terrasse des Hotels Mantalena sitzen, sehen mit blassen Gesichtern in die ganz andere Richtung. Alle Augen ruhen auf John Coningham-Rolls. Der 41-jährige Schwimmtrainer erzählt gerade, was uns in den nächsten Tagen alles so blüht: "Es kann sein, dass sich einige von euch übergeben müssen. Ihr könnt von Quallen angegriffen werden, an Unterkühlung leiden, einen Sonnenbrand bekommen. Eure Zunge wird vom Salz aufgeblasen und rau werden, die Haut gereizt, ihr müsst mit Muskelkrämpfen rechnen."

Wir lauschen der Einführung zu unserer Swim-Trek-Tour. Eine Woche lang werden wir von Kykladeninsel zu Kykladeninsel hoppen. Ohne Fähre. Wir werden schwimmen. Jeden Tag zwischen zwei und sechs Kilometern. Die Idee stammt von dem 31-jährigen Australier Simon Murie. Er hatte den Hellespont in der Badehose überquert und wollte anschließend die Euphorie des Schwimmens im offenen Meer mit anderen Wasserratten teilen. Seit einem Jahr wirbt er mit dem Slogan Swim Trek is a holiday, not an endurance test. In solchen Ferien, die kein Ausdauertest sein wollen, können auch die Scilly Inseln, der Lake District, der Hellespont und die Inneren Hebriden kraulend entdeckt werden. Und wer nach dem Schwimmen immer noch Puste hat, macht zu Fuß mit der Inseleroberung weiter.

Keine Spur von Triathleten und Profisportlern unter den zehn Teilnehmern, alle in den Dreißigern, die an diesem Abend auf der Hotelterrasse versammelt sind. Ganz im Gegenteil. Pianistin Helen meint, sie sei seit ihrem zehnten Lebensjahr nicht mehr im Wasser gewesen, und der Waldökonom Pat gibt verlegen zu, er wechsele höchstens einmal pro Woche vom Anzug in die Badehose. Alle sind hier, weil sie mal "was ganz anderes" erleben wollen. Und nicht, weil sie glauben, sie hätten Franziska-van-Almsick-Gene.

Am nächsten Morgen müssen nur läppische 1,5 Kilometer von Antiparos nach Paros geschwommen werden. Aufwärmtag. Simon, der Swim-Trek-Erfinder, und John, der Trainer, wollen unsere Technik vor der großen Fünfeinhalb-Kilometer-Überquerung von Paros nach Naxos noch mal testen. Wir stehen in Neongelb und mit orangefarbenen Badekappen – weniger aus modischen als aus Gründen der Sicherheit – am Hafenufer und dehnen und strecken uns mit Simon.

Währenddessen greift John mit einem Gummihandschuh in eine Vaselinedose. "Wer mag zuerst?" Alle gucken verdutzt, vor allem der alte Fischer, der an seinem Boot bastelt. Dann kommt die Erklärung: "Mit Vaseline einschmieren ist eine der wichtigsten Vorbereitungen fürs Schwimmen im offenen Wasser. Es verhindert Hautauschlag", sagt John.

Nur wenige Momente später kraulen wir im Meer, begleitet von John und Simon in ihrem Boot. Das Wasser ist glasklar und flach. Wie die Meerjungfrau Arielle werden wir von Fischen begleitet. Ab und zu sehen wir einen verlassenen Anker auf dem Grund. Am anderen Ufer klatschen die Touristen. Sie wissen zwar nicht, was unsere Aktion soll, sind aber trotzdem von diesem Wasserballett aus bunten Eierbechern begeistert.

An Land geht es gleich mit einer Inselwanderung weiter, den Badeanzug in der Hosentasche, die Koffer auf dem Boot. Gelegentlich wird Rast gemacht, um frische Feigen vom Baum zu pflücken und verlassene Bergklöster zu erkunden. Am Abend gibt es statt Ouzo am Strand ein letztes Schwimmtraining im Hotelpool, um unsere Kraultechnik vor dem Big Swim noch einmal zu verbessern.

Mein Schwimmstil, mit dem ich seit über 20 Jahren im Freibad ziemlich gut zurechtkomme, wird auf der Strecke von drei Bahnen völlig auseinander gerupft – und dann wieder neu zusammengestellt. Die Arme müssen weiter auseinander, der Kopf ist zu hoch und im Kreuz ist nicht genug Spannung. Wäre ja gelacht, wenn ich das bis morgen früh nicht umkrempeln könnte…