Das Einzige, was mich jetzt noch vor der Marathonüberquerung retten würde, wäre Windstärke 6 und ein hoher Wellengang. Doch am nächsten Morgen herrscht absolute Windstille, das Meer, sagt Simon, war den ganzen Sommer noch nicht so glatt. Es wird geschwommen. Alle in die Badehose.

Abgeholt werden wir vom jungen griechischen Skipper Aki und seiner Segelyacht, die uns samt Schlauchboot die ganze Woche beim Schwimmen begleiten wird. Der Blick auf Akis knappen Tanga hilft mir unterwegs zur abgelegenen Bucht, von der es losgehen soll, wenigstens ab und zu meine Angst zu vergessen. Jeder von uns hat eine andere Art, sich mit der vor uns liegenden Distanz auseinander zu setzen. Die meisten sagen sich: "Wenn ich aufhören will, höre ich halt auf", denn das ist beim Swim Trek erlaubt, doch Jilly, die Fachfrau für internationale Steuerfragen, hat die beste Einstellung: "Was soll’s, wir gehen halt schwimmen heute." Dass unser Ziel, die Insel Naxos, so weit weg ist, dass sie zum Teil im Nebel verschwindet, scheint zumindest sie nicht zu beunruhigen.

"Haie", sagt Simon, "gibt’s hier nicht. Also rein ins Wasser." Nervös und dick eingefettet springen wir vom Boot. Keine Zeit für einen letzten Toilettenbesuch. Das große Schwimmen beginnt.

Sobald ich im Wasser gelandet bin, ist alles still um mich herum. Jegliche Gedanken der Angst und des Versagens verschwinden wie vom Meer verschluckt. Das blaue Wasser ist weich wie Samt. Jede Bewegung eine Streicheleinheit. Das Schwimmen in der Gruppe wirkt meditativ. Ob sich so Delfine fühlen? Aus der Tiefe strahlt Licht hinauf – als ob Atlantis die Tür öffnet.

Im Zwanzigminutentakt fliegen Thermosflaschen wie Schwalben vom Boot auf uns zu. Wasserpicknick. Das Menu: ein Proteingetränk zur Stärkung, das beinestrampelnd im Wasser getrunken wird. Immer wieder rufen uns John und Simon Ermutigungen zu.

Doch dann geschieht, was alle befürchten. Eine aus der Gruppe muss wegen Unterkühlung rausgefischt werden und die Überquerung unterbrechen. Ihr Gesicht ist fahl, ihre Lippen sind blau. Eingewickelt in eine Wolldecke, wird sie auf schnellstem Wege zur Beobachtung aufs Segelboot gebracht.

Dann wird auch mir kalt. Obwohl ich schon längst meine Hände und Füße nicht mehr spüre, kraule ich weiter. Aufgeben ist nicht drin. John und Simon, die beide schon durch den Ärmelkanal geschwommen sind, wissen, worauf sie achten müssen. Und ich befürchte, sie werden mich rausholen, wenn sie sehen, wie ich klappere. Glücklicherweise merkt es Kate, die neben mir schwimmt, zuerst und gibt mir ihren Neoprenanzug. Das Aus- und Anziehen unter Wasser gleicht dem Kampf mit einem Riesenkraken.