Der syrische Minister für Tourismus, Saadallah Agha Al Kalaa, konnte Touristiker und Journalisten Ende September guten Gewissens zu einem dreitägigen Fest einladen, denn bis dahin wirkte Syrien inmitten einer von Terroranschlägen heimgesuchten Region wie eine Oase des Friedens. Der Titel der Veranstaltung, Silk Road Festival, sollte an den fruchtbaren Kulturaustausch erinnern, der die Länder Europas mit denen des Orients über Jahrhunderte verbunden hatte. Ein Treffen auch wider das schleichende Vergessen, das droht, seit die Besucherzahlen aus Europa bereits im dritten Jahr drastisch zurückgegangen sind. Den Grund für diese Abkehr sah ein syrischer Reiseagent darin, dass "Europäer den gesamten Nahen Osten undifferenziert als eine einzige große Krisenzone begreifen".

Doch nur wenige Tage nachdem die Gäste wieder abgereist waren, griff die israelische Luftwaffe auf syrischem Boden ein palästinensisches Ausbildungslager an – keine 20 Kilometer von der Hauptstadt Damaskus entfernt. Das Auswärtige Amt sieht gegenwärtig jedoch keinen Grund, vor Reisen in das arabische Land zu warnen. Es empfiehlt Touristen lediglich, "die Sicherheitslage mit besonderer Aufmerksamkeit zu beobachten".

Derzeit sind mehrere Gruppen der Reiseveranstalter Dr. Tigges und Biblische Reisen in Syrien unterwegs. Auch der Veranstalter Studiosus Reisen, München, ließ sich von der militärischen Attacke nicht schrecken und blieb bei ihrer geplanten Rundreise. Deren Motto "Islam verstehen" bewies, dass bei vielen Reisenden ein Bedürfnis besteht, sich über die zweitgrößte Weltreligion objektiv und an Ort und Stelle zu informieren. Denn die Reise war, wie Unternehmenssprecher Klaus Dietsch sagte, "innerhalb von zwei Tagen ausgebucht".

Syrien setzt unbeirrt auf eine bessere Zukunft. Es forciert seine Anstrengungen, das kulturelle Erbe einer 5000-jährigen Geschichte zu erhalten und selbstbewusster als bisher zu präsentieren. Eine große Chance sieht der Tourismusminister vor allem darin, Besuchern künftig die bedeutendsten archäologischen Ausgrabungsstätten des Landes zugänglich zu machen.

Derzeit konzentrieren sich die Aktivitäten vor allem auf Aleppo, die zweitgrößte Stadt des Landes, von der Unesco bereits 1986 zum Weltkulturerbe erklärt. Restauriert werden historische Bauwerke und ganze Stadtviertel, und zwar mit Unterstützung ausländischer Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und des international engagierten Aga Khan Trust for Culture (AKTC).

Im Mittelpunkt der GTZ-Bemühungen steht die Altstadtsanierung von Aleppo, die vor allem angenehmere Lebensverhältnisse für die dort lebenden Bewohner schaffen soll. Doch auch Touristen profitieren davon, wenn Karawansereien, Moscheen und Basarstraßen so instand gesetzt werden, dass sie bis heute das Bild einer intakten orientalischen Stadt vermitteln.

Aleppos früherer Reichtum rührt aus einer Zeit, als die Stadt ein wichtiger Stop-over war auf dem letzten, dem vorderasiatischen Teil der Seidenstraße, die im fernen China begann und bis zu den Mittelmeerländern führte. Als glanzvoller Höhepunkt ostwestlicher Handelsbeziehungen galt ein Vertrag zwischen Aleppo und der Republik Venedig im Jahr 1207, ein Ereignis der Stadtgeschichte, das während des Festivals mit historischen Umzügen pompös gefeiert wurde.

Auf dem Zitadellenberg, der 50 Meter hoch aus der Stadtmitte aufragt, engagiert sich der Aga Khan Trust. Dort oben, zwischen Palastruinen und Moscheen aus dem 12. Jahrhundert, soll ein ausgedehntes Freizeitareal entstehen, mit Restaurants und Besucherzentren, in denen Bürger und Touristen gemäß dem Slogan "East meets West" Informationen über die Geschichte der Festung und der Stadt erhalten. Und ein Museum, das der Öffentlichkeit erstmals Steinreliefs aus der Zeit um 1000 vor Christus zugänglich macht. Der deutsche Archäologe Kay Kohlmeyer hat diese Raritäten zusammen mit seinen syrischen Kollegen entdeckt, als sich das Team vom Gipfel des Burgbergs aus durch mehrere Kulturschichten bis hinunter in neun Meter Tiefe grub.