Pro Man kann das Gerede nicht mehr hören: dass die Zukunft verbaut ist, die Jugend fehlgeleitet und der Rock ’n’ Roll auch nicht mehr, was er einmal war. Dass seit den Sechzigern, spätestens den Siebzigern Verfallsgeschichte herrscht, ohne die Magie von früher, dieses je-ne-sais-quoi, Sie wissen schon… Man kann "den ganzen Käse" (Rudi Völler) nicht mehr hören, weil er das Gegenteil von dem hervorbringt, das angeblich verteidigt wird. Kulturpessimismus ist so was von self-fulfilling: Wie man hineinruft, schallt’s heraus.

Kulturpessimisten werden nie kapieren, dass die Strokes die beste Band der Welt sind. Wer sonst in den letzten Jahren hat ein solch ausuferndes, weit über die Musikmagazine hinausgehendes Interesse losgetreten, wer derart flächendeckend enthusiasmiert oder auch nur auf vergleichbare Weise polarisiert? Die in ihrer Nische vor sich hin murkelnden Post- und Schwundrockbands gewiss nicht. Um der Menschheitserzählung Rock ’n’ Roll ein weiteres Kapitel hinzuzufügen, braucht es mehr als Predigten an die Bekehrten, man muss den inneren Zirkel sprengen, den Jackpot knacken wollen.

Dass dies fünf New Yorker Mittzwanzigern mit einer bis vor kurzem noch als überholt geltenden Musik gelungen ist – umso lustiger. Was für die Strokes spricht, ist gerade das, wofür sie kritisiert wurden: ihr Vermögen, den großstädtischen Hipster ebenso abzuholen wie den aufgeschlossenen Traditionalisten oder die Zahnarztgattin im Sinne Elisabeth Noelle-Neumanns. Erst die Strokes haben für das junge Jahrhundert die Konsequenz aus der Tatsache gezogen, dass Rock als Pop von der Evidenz lebt (statt von der Abgrenzung). Ihnen ist, mit anderen Worten, das Neue in den Schoß gefallen, weil sie keine Angst vor dem Alten hatten.

Der Rock ’n’ Roll als solcher ist ja viel weniger dem Fortschritt verpflichtet, als gemeinhin angenommen wird. Soziologisch gesehen, ähnelt er einem Ritual, das zyklisch wiederkehrt, mit Parallelen in Karneval und Sport. Käme jemand auf die Idee, den Fußball für veraltet zu erklären, bloß weil alle vier Jahre Weltmeisterschaft ist? Eben. Auf Stilbewusstsein und Spielfreude kommt es an. You can’t beat two guitars, bass and a drum – so hat es Lou Reed einmal ausgedrückt.

Die Konsequenz der Strokes daraus ist bedingungslose Hingabe an die Musik, die sie lieben, Produktionshandwerk und Instrumentenbehandlung inbegriffen. Überflüssig, zu sagen, dass Room On Fire, ihr gerade erschienenes zweites Album, wieder ein Sack voll allerprägnantester, garantiert lebensverschönernder Smash Hits geworden ist. Die Strokes nehmen den Faden auf, den andere liegen gelassen haben, und spinnen ihn exakt 33 Minuten und 5 Sekunden lang fort. Ein kurzer Prozess, aber ein intensiver. "I don’t want to waste your time", singen sie zu einer ihrer atemlosen, voranpreschenden Melodien, "we worked hard, darling, we don’t have no control." Wer kein Ohr dafür hat, der muss diesen Ruf wohl ignorieren. Ein Drittes wird nicht gegeben.

Contra Zu den geschriebenen Gesetzen der Pop-Kultur gehört, dass der junge Mensch immer Recht hat. Wenn das Bei-Mama-Wohnen im Kommen ist, findet alle Welt das Bei-Mama-Wohnen geil. Wenn er sich zu piercen beliebt, wird das Piercen endemisch. Und wenn ihm mal wieder der Sinn nach echt handgemachter Rockmusik steht, taucht garantiert irgendeine Band am Horizont auf, die ihn mit dem Rundum-sorglos-Paket pampert.

"Is This It"?, fragten die Strokes mit ihrer ersten Platte – etwas scheinheilig, denn längst war klar, dass etwas in der Luft lag. So wie die Dinge sich darstellten, konnten sie schließlich nicht bleiben, die Zielgruppe hätte sich zu Tode gelangweilt. Nach dem Techno-Jahrzehnt mit seinem Halbleiter-Gezischel musste wieder was Erdiges kommen, der überfällige Gegentrend, das Retro zum Aufbruch. Wie praktisch, dass der Vater von Strokes-Sänger Julian Casablancas in New York eine Model-Agentur leitet. Noch schnell ein paar alten Schulfreunden die entsprechenden Instrumente in die Hand gedrückt – fertig ist der rock ’n’ roll swindle.