Ein interessantes Bauwerk ist die Bahnhofstoilette von Westerland auf Sylt. Sie besteht größtenteils aus Buntglas und sieht wie eine Raumkapsel aus. Statt Griffen haben die Kabinentüren Löcher. Durch das Loch steckt man vorsichtig den Zeigefinger hindurch, mit dem gekrümmten Finger zieht man dann die Tür zu. Die Löcher sind, vermutlich aus ästhetischen Gründen, ziemlich klein. Sie sind nichts für Dickfingerige. Dickfingerige sollen in Westerland woanders hingehen.

Ich bin dünnfingerig veranlagt. Sobald eine Toilettentür zu ist, möchte man sie verriegeln; das ist nur menschlich. Dazu gibt es in Westerland ein Trackpad wie beim Computer. Man legt auf bestimmte Weise die Hand drauf und setzt einen Riegelmechanismus in Gang. Wie man es genau machen soll, wird in einem Text erklärt, der knapp über dem Trackpad an der Tür steht. Weil begreiflicherweise schon viele Menschen ihre Hand auf diese Stelle gelegt hatten, war der Text abgewetzt und unleserlich. Ich habe das Prinzip nicht begriffen.

Während ich in der Bahnhofstoilette von Westerland mit dem gekrümmten Zeigefinger der linken Hand die Tür zuhielt, an der immer wieder eilige Reisende rüttelten, denn es ist, vielleicht wegen ihrer wagemutigen Architektur, eine extrem gut besuchte Toilette, habe ich etwas Grundsätzliches erkannt. Von allen Künsten steht das Designen der Sexualität am nächsten. Beides, Design und Sexualität, können Kurzweil, Freude oder sogar Erfüllung stiften. Beides kann aber auch, wenn es von verantwortungslosen Menschen auf rücksichtslose Weise ausgeübt wird, viel Not und Pein verursachen.

Das Frage, wie man eine Toilettentür verschließt, ist historisch erschöpfend beantwortet, man nimmt einen Griff und dreht ihn um. Die Designer könnten sich anderen, noch ungelösten Menschheitsproblemen zuwenden, zum Beispiel dem spritzfrei zu öffnenden Plastikmilchtöpfchen. Aber Designer denken nicht so. Schlimm ist es in den Badezimmern. Jeder Reisende hat schon mal in eingeseiftem Zustand unter einer Hoteldusche gestanden und festgestellt, dass er oder sie das Armaturendesign nicht begreift. Je teurer das Hotel, desto größer das Risiko, einem Designverbrechen zum Opfer zu fallen. Es könnte so einfach sein, man braucht zwei Drehhähne, einen mit einem roten, den anderen mit einem blauen Punkt. Designer denken nicht so.

Ich habe mit angetrockneter Seife unter den Kleidern ein Interview mit Johannes Heesters geführt, dem Superstar aus der Nazizeit. Die ganze Zeit dachte ich: "Damals konnte jeder Deutsche in jedem Hotel jederzeit den Heißwasserhahn aufdrehen." So geistig nah bin ich dem Faschismus noch nie gekommen. Daran sind die verdammten Designer schuld.

Sie machen jetzt Brillen, die man nicht mehr hinterm Ohr festhakt, sondern oben am Kopf. Oder Rucksäcke mit nur einem Gurt. Bald kommen Handys, die man nicht mehr ans Ohr hält, sondern an die Nasenlöcher oder Gott weiß wohin. Sie arbeiten an Sitzmöbeln, die am Schulterblatt befestigt werden wie ein Fallschirm. Die einzige Erfindung, vor der die Designer echt Respekt zu haben scheinen, ist das Rad.

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