Seit einigen Wochen ereilen Deutschlands Raucher massive Todesdrohungen, auf Amtsdeutsch: "gesundheitsrelevante Warnhinweise", schwarz eingerahmt auf Zigarettenschachteln. Sie müssen, so will es das europäische Gesetz, "mindestens 30 Prozent der Breitseite der Zigarettenpackung einnehmen. Dieser Prozentsatz erhöht sich bei Mitgliedstaaten mit zwei Amtssprachen auf 32 Prozent und bei solchen mit drei Amtssprachen auf 35 Prozent." Zur Verfügung stehen 14 Varianten, unter anderem: "Raucher sterben früher", "Rauchen führt zur Verstopfung der Arterien und verursacht Herzinfarkte und Schlaganfälle", "Rauchen verursacht tödlichen Lungenkrebs", "Rauchen in der Schwangerschaft schadet Ihrem Kind", "Rauchen kann zu Durchblutungsstörungen führen und verursacht Impotenz", "Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein". Spermatozoen nennt man die reifen männlichen Keimzellen bei Mensch und Tier. Die also auch. Passiv rauchende Rüden sind ebenfalls betroffen.

Im Oktober vorigen Jahres hatte der Bundesrat eine alte Richtlinie des Europäischen Parlaments gebilligt, welche "Aufmachung und Verkauf von Tabakerzeugnissen" in ganz Europa regelt. Jetzt ist sie in Kraft getreten. Reden wir nicht über den Teergehalt der zähen Beamtenprosa, die zum Beispiel "Griechenland aufgrund besonderer sozioökonomischer Schwierigkeiten eine Ausnahmeregelung bei den Stichtagen für die Anwendung der Teergehaltshöchstwerte" einräumt. Reden wir auch nicht darüber, dass "mit der Richtlinie 89/622/EWG der Verkauf bestimmter Tabake zum oralen Gebrauch verboten", dass aber für "Schweden diesbezüglich eine Ausnahmeregelung" gefunden wurde, die jedoch ein Staatsgeheimnis bleibt: Hinweisloser Kautabak für Lappländer?

Reden wir lieber über den Irrsinn schlechthin, der auf den ungezügelten oralen Genuss von Büroklammern in Europas Amtsstuben zurückzuführen sein könnte. Noch nie hat es eine ähnliche europäische Konsumvorschrift gegeben, die nur noch eine filterlose Zigarettenlänge entfernt zu sein scheint von totalstaatlicher Bevormundung. Sie ist das Produkt einer Obsession, die alle Fleisch essenden Europäer kennen, die bei Gelegenheit Grundsatzdiskussionen mit Vegetariern führen mussten.

Um jeden Verdacht auszuräumen, hier protestiere ein naiver Süchtiger: Es ist allgemein bekannt, dass weltweit 560 Menschen stündlich sterben, deren vorzeitiger Tod mit Tabakgenuss in Verbindung gebracht werden kann. Bekannt ist allerdings auch, dass der Gebrauch von warnhinweislosen Handfeuerwaffen "zu Durchblutungsstörungen" führt; dass der heftige Konsum von Wodka zwar die Raucherarterien reinigt, aber ganz andere Organe schädigt und dass alles, was in der Zivilisationsgeschichte des Menschen zur Verfeinerung seiner Ess- und Tischgebräuche hinzugekommen ist (die tödliche Gabel, das mörderische Messer), immer noch der europaweit harmonisierten Etikettierung Brüsseler Behörden harrt. Ähnliche rettende Warnungen in vielen anderen Lebensbereichen des behüteten Europäers sind möglich: "Der Linienflug über Frankfurt wird zum Verlust ihres Koffers führen", "Die Lektüre dieser Bohlen-Biografie reduziert ihren Intelligenzquotienten", "Der Blick in das deutsche Baurecht endet im Wahnsinn" oder "Der Eintritt in eine Volkspartei wird mit einem Mandat im Europaparlament bestraft".

Doch die Sache ist ernster. Rauchen ist ein Brauchtum, das, wie der Verzehr von Mais und Kartoffeln, nach der Entdeckung Amerikas den Rest der Welt erobert hat, weil es genussreicher ist als – zum Beispiel – das Spiel mit den Perlen des Rosenkranzes.

Tabak regt das Gehirn an und beruhigt noch den Todgeweihten. Der Mensch ist ungern allein, vor allem in seiner letzten Minute, mit einer Zigarette erträgt er sie leichter. Nur in Texas ist es den zum Tode verurteilten Delinquenten verboten, noch schnell eine Zigarette zu rauchen, weil das – man ahnt es – ungesund ist. Auch Brüssel liegt in Texas.

Amerikanische Zigarettenhersteller haben in allem zynischen Ernst erklärt, die tödlichen Konsequenzen von übermäßigem Tabakgenuss entlaste die Rentenkassen der Vereinigten Staaten. Wahrscheinlich stimmt das. Doch es ist genau jene kalte Kosten-Nutzen-Rechnung, die auch die Brüsseler "Tabakprodukt-Verordnung" beseelt: Zwischen die freie Entscheidung des Rauchers zur Zigarette und seine ebenso freiwillige Entscheidung, seine Lunge womöglich zu ruinieren (von seinen Spermatozoen ganz abgesehen), stellt sich die Bürokratie mit ihrer grotesken Annahme, der Staat habe zu entscheiden, was der Bürger sich antun könne und was nicht: Gesundheit, nicht aber das persönliche Glück des Rauchers ist ein sozialer Kostenfaktor, den es aus Beamtensicht zu steuern gilt – und sei es mit den Mitteln einer propagandistischen Todeswarnung.

Hinter den Traueranzeigen auf den Zigarettenschachteln verbirgt sich ein staatlicher Herrschaftsanspruch, das Leben der Bürger endlich in den Griff zu bekommen. Er geht mit dem fürsorglichen Gestus der Aufklärung einher, ist aber nur ein Vorbote kommender Verbote. Das Eifertum hinter der Verordnung ist unübersehbar. Es wird sich breit machen in Deutschland, und demnächst werden auch die Raucher individuell besteuert werden, je nach Einkommensklasse und Lungenvolumen. Nur die Griechen paffen (noch) fröhlich weiter.