Es ist das Schicksal des Suhrkamp Verlages, dass jeder Wechsel in seiner Führung die Öffentlichkeit mehr erregt als der bei Random House oder Kleinheinrich. Das kommt, weil der Verlag nicht nur eine geistige Institution ist, sondern auch eine von Mythen umrankte. Seit dem Tod des Verlegers Siegfried Unseld vor einem Jahr hat die Mythenbildung freie Bahn. Jeder, dem das Suhrkamp-Projekt etwas bedeutet, kann jetzt die Bewahrung der reinen Lehre einfordern. Welche das sei, ist keineswegs klar, denn das Programm des Verlags ist von Habermas oder Brecht ebenso geprägt wie von Derrida oder Handke. Unselds Stärke bestand darin, das Unvereinbare nebeneinander gelten zu lassen und den Konflikt mit seinem breiten Rücken zu decken. Insofern ist es ein Glück, dass es dem von Unseld bestimmten Verlagsleiter Günter Berg gelang, die verwaiste, zur Zwietracht neigende Schar der Autoren und Mitarbeiter beisammenzuhalten und das Verlagsprogramm auf dem gewohnten Niveau zu stabilisieren.

Erstaunlicherweise ist jetzt die Verlegerswitwe und Mehrheitsgesellschafterin Ulla Unseld-Berkéwicz in die Geschäftsführung eingetreten - sie und ihr Lektor Rainer Weiss. Berkéwicz, so heißt es in der Mitteilung des Verlags, sei nun die Vorsitzende, Günter Berg ihr Stellvertreter. Das bedeutet dessen Entmachtung und widerspricht dem Willen Unselds. Die von ihm mit Sorgfalt installierte Konstruktion trennt die operativen Kräfte des Verlags von den kontrollierenden.

Generell reicht der Wille des Erblassers nur so weit, als er von einer besseren Idee nicht überholt wird. Die jetzige Lösung ist keine bessere Idee.

Sie vermehrt und verwirrt die Zuständigkeiten. Sie schwächt die Aufsichtsgremien. Ulla Unseld-Berkéwicz agiert nun auf beiden Seiten, ihre Machtfülle hebt die Gewaltenteilung auf. Als Schriftstellerin hat sie einen Ruf. Dass sie zur Verlegerin taugt, ist nicht erwiesen. Hätte Unseld ihr die Aufgabe anvertrauen wollen, hätte er entsprechend Vorsorge getroffen.

Der Streit um Martin Walsers Roman Tod eines Kritikers und der um Ted Honderichs Traktat Nach dem Terror haben offenbart, dass es im Verlag kontroverse Ansichten darüber gibt, was unter der Fortführung der Suhrkamp-Tradition zu verstehen sei. Auf der einen Seite steht eine konservative, quasi gralshüterische Fraktion, auf der anderen eine pluralistisch-moderne, die den Verlag an eine veränderte Gegenwart heranführen will. Das muss auch sein, denn der Verlag hat auf Dauer keine Zukunft, wenn er nur seine Verdienste pflegt und Erinnerungskultur betreibt.

Im Konflikt zwischen Innovation und Tradition hat sich Siegfried Unseld immer für die Innovation entschieden.

Der einzige Vorzug der neuen Leitungsgruppe besteht darin, dass die Kontrahenten nunmehr an einem Tisch sitzen und sich auf Gedeih und Verderb verständigen müssen. Dass die Macht dabei ungleich verteilt ist, ist ein Problem, das so lange keine Rolle spielt, wie die Vernunft eine Chance hat.