Immer öfter lassen sich im politischen Berlin Phänomene beobachten, die es so eigentlich gar nicht geben dürfte. Im Getriebe der Hauptstadt befindet sich das Virtuelle offenkundig auf dem Vormarsch. Genauer gesagt, handelt es sich um eine Spielart des Virtuellen: das Unwirkliche in Form demonstrativer Negation. Da verkündet beispielsweise Bundesumweltminister Jürgen Trittin, die Regierung werde von einer weiteren - der fünften - Erhöhungsstufe der Ökosteuer zum Jahresbeginn 2004 absehen. Die Menschen sollten "im nächsten Jahr mehr Geld in der Tasche haben" und nicht durch weitere Belastungen verunsichert werden. Klingt echt großzügig, zumal aus dem Mund eines Mitglieds der Bundesregierung. Dabei wäre doch schon der bloße Gedanke an zusätzliche Steuereinnahmen aus steigenden Benzinpreisen geeignet - wenn er denn öffentlich würde -, das rot-grüne Projekt endgültig in den Abgrund zu stoßen. Dennoch wollte es sich der Minister offenbar nicht entgehen lassen, sein im Amt gewachsenes ökonomisch-psychologisches Problembewusstsein ein wenig herzuzeigen. Vielleicht lässt sich ja so die Bundesregierung ein Stück weit aus ihrem derzeitigen Popularitätstief herausholen: mit einem Akt virtuellen Verzichts.

Zu solchem sah sich auch Rudolf Scharping berufen. Auf dem kommenden Parteitag im November, so ließ der frühere SPD-Vorsitzende, Kanzlerkandidat und Verteidigungsminister die erstaunte Öffentlichkeit wissen, werde er nicht mehr für das Amt des stellvertretenden Parteichefs kandidieren. Der Zustand der SPD bereite ihm "große Sorgen". Er wolle sich deshalb weiter engagieren, die "Mischung aus Zorn, Ratlosigkeit und Verzweiflung" zu überwinden. Doch den Zielen der SPD glaubt Scharping künftig besser dienen zu können, "wenn ich nicht Mitglied dieser Parteiführung bin". Das ist dezent formuliert - und drastisch gemeint: Ein so aufrechter, verdienter Sozialdemokrat wie Rudolf Scharping will mit Leuten wie Gerhard Schröder, die dem Land und der Partei schweren Schaden zufügen, nicht länger an einem Tisch sitzen. Das ahnte man schon. Dass Scharping es uns jetzt mitteilt, indem er sein Desinteresse an einem Amt erklärt, in das ihn der Parteitag ohnehin nicht wieder gewählt hätte, das zeigt den einstigen Hoffnungsträger immerhin ganz im neuesten Hauptstadttrend: im generösen Verzicht aufs ohnehin Unerreichbare.

Dort, wo sich Trends entwickeln und zu Tendenzen verfestigen, dürfen natürlich auch ambitionierte Christdemokraten nicht fehlen. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch beispielsweise ließ sich vor wenigen Tagen auf dem Deutschland-Treffen der Jungen Union als vielleicht härtester Stratege des Virtuellen feiern. Unerschrocken rief er seine Partei dazu auf, die rot-grünen Dilettanten in der Hauptstadt so schnell als irgend möglich in den Orkus der Geschichte zu stürzen. Doch wie die Dinge in der Union derzeit liegen, fiel Kochs Initiative einer Fronde virtueller Verzichtspolitiker anheim: Angeführt von der Parteivorsitzenden Angela Merkel, einigten sich CDU-Vorstand und Präsidium zu Wochenbeginn, auf den Sturz der Bundesregierung, den man ja ohnehin nicht von außen herbeiführen könne, vorerst verzichten zu wollen.

Es lebe das Als-ob. In all seinen Erscheinungsformen.