ZEIT-Autor Robert Leicht, Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands, wurde in dieser Woche von der Evangelisch- Theologischen Fakultät der Universität Münster zum Doctor h. c. promoviert. In seinem Festvortrag "Der liberale Verfassungsstaat und die Religionen" ging er auch kritisch auf die kirchlichen Reaktionen zum "Kopftuch-Urteil" ein. Wir dokumentieren einen Auszug:

Inzwischen haben die Kinder der ersten Immigration ihre akademischen Ausbildungen erfolgreich abgeschlossen und wollen nun in den oberen, in den auch durch das Beamtenrecht privilegierten Sektoren unseres Arbeitsmarktes teilnehmen. Und schon erwarten sie heftige Konflikte, sofern sie dabei ihrer Religion sichtbar Ausdruck geben wollen. Bereits ein Kopftuch reicht aus, um aus der historisch scheinbar abgelegten Frage nach dem Verhältnis des liberalen Verfassungsstaates zu den Religionen ein heftig umkämpftes Problem werden zu lassen.

Angesichts vieler, nicht aller, aber doch fast aller kirchenamtlichen Stellungnahmen sind nun Konsens wie Widerspruch deutlich zu benennen. Anders als dem liberalen Verfassungsstaat, der als Anstalt selber keine religiöse Persönlichkeit und Autorität haben kann, steht die positive Religionsfreiheit seinen Lehrern und Beamten als Subjekten und als Trägern persönlicher Freiheitsrechte zu… Sie darf allerdings nicht zulasten der negativen Religionsfreiheit der Schüler gehen, auch nicht zulasten des elterlichen Erziehungsrechts und nicht zulasten des Bildungsauftrags der Schulen. Wir wollen in der Tat keinerlei religiöse oder ideologische Agitation an unseren öffentlichen Schulen, weder kommunistische noch muslimische, noch christliche – und dies schon deshalb nicht, weil Agitation das Gegenteil von Bildung ist. Zu einer umfassenden Bildung gehört freilich auch der informierte und sachliche Diskurs mit authentischen, überzeugten und gerade darin überzeugenden Persönlichkeiten – auch über erste und letzte Fragen. Und auch dies sollte unumstritten sein und bleiben: Für unsere öffentlichen Schulen und für die Lehrer und Lehrerinnen an ihnen bleiben die Grundpfeiler unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung verpflichtend. Die öffentliche Schule ist also weder ein religions- noch ein verfassungsloser Raum. Wenn nun eine muslimische Lehrerin aus Gründen ihrer religiösen Überzeugung und als Ausdruck ihrer positiven Religionsfreiheit im Dienst ein Kopftuch tragen will – ist dies schon ein ausreichendes Indiz dafür, dass sie verfassungsfeindliche Propaganda gegen die Gleichberechtigung von Frauen und Männern betreiben will? Diese Frage kann in einem liberalen Verfassungsstaat nicht mit dem Rasenmäher entschieden werden.

Vor einem solchen Schematismus sollte uns schon eine sehr nahe liegende, einfache Beobachtung bewahren. Wenn eine muslimische Frau in unseren Breiten aus ihrer vormals archaisch definierten Rolle so weit heraustritt, dass sie an unseren säkularen Universitäten mit Erfolg eine akademische Ausbildung durchläuft und in unserem durch und durch weltlichen Staat einen Vollzeitberuf ausüben und ihren Lebensunterhalt unabhängig von einem Manne verdienen möchte, ist sie doch bereits so weit emanzipiert und dem traditionellen islamischen Rollenverständnis so weit entfremdet, dass man nicht umstandslos unterstellen darf, sie wolle nun an der Schule für die reaktionäre Benachteiligung der Frauen agitieren.

Nicht die Wahrnehmung eines Rechts ist begründungspflichtig, sondern seine Einschränkung. Es bleibt im liberalen Verfassungsstaat geradezu axiomatisch eine im doppelten Sinne gewisse, nicht aufzuhebende Asymmetrie zugunsten der Freiheit. Für die Abwägung von konkurrierenden Freiheitsrechten aber gilt nach wie vor der Satz Immanuel Kants: Das Recht ist also der Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des andern nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen vereinigt werden kann. Wohlgemerkt: nach einem Gesetz der Freiheit! Es kommt also auf den Einzelfall an – auch wenn die Kriterien zu seiner Entscheidung in einem allgemeinen Gesetz vorgegeben werden; in einem allgemeinen – nicht in einem pauschalen!

Es gibt aus der Perspektive der christlichen Anthropologie wahrhaft unaufgebbare Gründe für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Ich frage mich nur, weshalb wir Christen und unsere Kirchen, auch die evangelischen Kirchen!, so lange gebraucht haben, dieselben zu entdecken – bis weit in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein und darüber hinaus. Wir Protestanten haben uns all die gegenwärtigen Verlegenheiten mit den Quoten, dem inklusiven Sprachgebrauch und dem gender mainstreaming redlich verdient.

Wenn wir diese selbstkritische oder, sei’s drum, bußfertige Perspektive nicht wahren, setzen wir uns fast zwangsläufig dem Verdacht aus, wir redeten im Kopftuch-Streit zwar allein verfassungsrechtlich von der Gleichberechtigung, meinten aber in Wirklichkeit das Befremdliche an einer anderen Religion. Die Freiheit aber ist – vor und nach und trotz Rosa Luxemburg – stets auch die Freiheit des Andersdenkenden; und die Religionsfreiheit die Freiheit des Andersgläubigen.