Istanbul

Viel näher kann ein Sterblicher dem Himmel nicht kommen. Ganz oben in den Istanbuler Zwillingstürmen der Sabanci-Holding begann für Özdemir Sabanci der 9. Januar 1996 wie jeder andere Tag: mit heißem Tee und einer kleinen Konferenz mit einem Fabrikleiter. Doch dann öffneten sich krachend die holzgetäfelten Bürotüren. Die Sekretärin hatte die Eindringlinge nicht aufhalten können, sie war zu diesem Zeitpunkt schon tot. Schüsse fielen. Neben den Leichen des Konzernchefs und seines Fabrikleiters hinterließen ihre Mörder die Flagge einer obskuren linken Revolutionsgruppe.

Nie zuvor und nie wieder danach hatte sich die Politik so brutal in das Leben der türkischen Industriellenfamilie Sabanci (sprich: Sabandsche) gedrängt. Damals war gerade einmal wieder eine Regierung kollabiert und die nächste noch nicht zustande gekommen. Politiker in Ankara rauften um die Macht und ließen keine Gelegenheit aus, Steuergeld auf eigenen Konten zu privatisieren. Eine Wirtschaftkrise erschöpfte das Land. Im Osten führte die Armee Krieg gegen kurdische Rebellen. So sah die Türkei 1996 aus, sehr uneuropäisch.

Heute, fast acht Jahre danach, wirkt diese Zeit nur noch wie eine düstere Erinnerung. Die Großfamilie Sabanci hat das Attentat nicht vergessen, aber immerhin verkraftet. Die Holding expandiert wie das ganze Land. Dessen Wirtschaft wuchs im vorigen Jahr um 5,5 Prozent. In ihrem Fortschrittsbericht über die EU-Kandidaten wird die Brüsseler Kommission Anfang November die Türkei kräftig loben. Die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU rückt näher. Die Türkei - ganz europäisch?

Das Land vielleicht noch nicht, die Sabancis mit Sicherheit. Als Pioniere auf dem Weg nach Westen dirigieren sie seit vielen Jahren ihre Firmen in der Europäischen Union. Ihr Aufstieg aus einem anatolischen Dorf in die gläsernen Zwillingstürme ihres Istanbuler Hauptquartiers erzählt die Geschichte von der unaufhaltsamen Westverschiebung der Türkei. Sie begann vor 80 Jahren mit der Gründung der Türkischen Republik am 29. Oktober 1923.

Im Istanbuler Stadtteil Levent, wo heute die Zwillingstürme des Sabanci-Imperiums in den Himmel ragen, standen damals Bauernhäuser auf Wiesen. Familienoberhaupt Sakip Sabanci, der Bruder des Ermordeten und seitdem Herr dieses Firmen-Weltreichs, leistet es sich mit 80 Jahren, auch schon mal zurückzuschauen. Seine Autobiografie Mein Leben ist in viele Sprachen übersetzt. Sabancis großer Kopf thront auf einem kurzen Körper, doch die ausladenden Arme machen den Eindruck wett, hier stünde ein kleiner Mann. Wäre er nicht Herr einer Welt-AG geworden, hätte er auch Entertainer werden können. Deshalb liebt ihn das Fernsehen, und er liebt die Kameras. Vor ihnen führt er lachend und redselig seinen Akzent aus Adana vor, der Stadt nahe der östlichen Mittelmeerküste, als wolle er sagen: "Hört her, ein Mann des Volkes." Ganz wie der Vater, der Gründer des Firmenimperiums.

Haci Ömer Sabanci fing in den zwanziger Jahren als Baumwollträger in Adana an. "Von den 85 Piastern, die er am Tag verdiente, gab er 25 für Essen und 10 für ein Bett aus", sagt Sakip Sabanci. "Die restlichen 50 sparte er." Als Safe diente eine Holzkiste. Die Zeiten waren karg.