Spätestens seit dem 11. September 2001 ist sie die bekannteste Brücke der USA. Auf ungezählten Fotos und Fernsehbildern sah man sie, vor der Silhouette Manhattans mit den brennenden Türmen. Die bekannteste Brücke New Yorks war die Brooklyn Bridge allerdings schon lange zuvor. Bei der feierlichen Einweihung am 24. Mai 1883 erklärten begeisterte Festgäste das 487 Meter lange Bauwerk aus Stahl und Granit, das die Halbinsel Manhattan über den East River hinweg mit Brooklyn verbindet, gleich zum achten Weltwunder. Maler haben sie gemalt, Regisseure sie zur Bühne gemacht, Dichter sie besungen, wie 1930 Hart Crane, dessen großes Gedicht The Bridge in den USA zum literarischen Kanon zählt. Heute ist die Brücke neben der Freiheitsstatue und dem Empire State Building das Sinnbild New Yorks. Von Postern und Buchumschlägen, aus Illustrierten und Reiseprospekten schwebt sie uns entgegen – in ihrer schwungvollen Eleganz Inbegriff der ewig dynamischen Neuen Welt.

Ihr Architekt indes blieb hierzulande unbekannt. Johann August Roebling heißt er, in Mühlhausen, Thüringen, wurde er am 12. Juni 1806 geboren, und seine erste Hängebrücke hat er wohl als Student auf einer Reise nach Bamberg gesehen: eine kleine Brücke, die an vier Ketten die Regnitz überspannte. Roebling hat den Anblick nie vergessen und das Konstruktionsprinzip des Brückleins schon 1826 zum Thema seiner Abschlussarbeit am Königlich polytechnischen Institut zu Berlin gemacht. Seine lebenslange Beschäftigung mit Hängebrücken mündete in die Vision der Brooklyn Bridge, deren Erbauung er allerdings nicht mehr erleben sollte. Dem ältesten Sohn Washington fiel es zu, die Pläne zu verwirklichen.

Als Johann August Roebling geboren wird – er ist das jüngste von fünf Kindern–, denkt wohl noch niemand in der Familie ans Auswandern. Die Röblings (damals noch mit ö) sind seit Ende des 17.Jahrhunderts in Mühlhausen ansässig. Einen Onkel hat der Handel mit Korn und Saatgut wohlhabend gemacht; er heißt der "reiche Röbling" und hat sich in dem ehemaligen Kloster Zella bei Mühlhausen ein schönes Landgut eingerichtet. Sein Bruder Polykarpus, Johann Augusts Vater, dagegen zeigt sich als eher genügsamer Charakter. Es heißt, er habe als Tabakhändler ebenso viel verkauft wie selbst geraucht.

Von anderer Natur scheint die Mutter gewesen zu sein, Friederike Dorothea. Ihr ganzer Ehrgeiz richtet sich auf den Erfolg ihres jüngsten Sohnes, dessen schnelle Auffassungsgabe in der Schule auffällt. Wegen schlechter Noten in Religion und Latein muss er allerdings das Gymnasium ohne Abitur verlassen. Gleichwohl schicken ihn seine Eltern zu dem Mathematiker Ephraim Salomon Unger nach Erfurt und anschließend zum Studium nach Berlin.

Ein Studium ohne Abitur ist ungewöhnlich und offenbar allein der Durchsetzungskraft und rigorosen Sparsamkeit der Frau Mama zu verdanken. Sie scheint es auch gewesen zu sein, die später den Plan zur Auswanderung unterstützt. Jedenfalls begleitet sie ihre beiden Söhne Johann August und Carl Friedrich 1831 bis nach Bremen, wo sie sich gemeinsam mit etwa 50 weiteren Freunden aus Mühlhausen und Umgebung auf dem Dreimaster August Eduard einschiffen. Beide Söhne sollen ihre Mutter nie wiedersehen: Als das Schiff ausläuft, erleidet sie einen Herzanfall, von dem sie sich nicht mehr erholt; bald darauf stirbt sie.

Der zukünftige Brückenbauer Amerikas ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt, hat eine der besten Ausbildungen Europas zum Ingenieur abgeschlossen und 3000 Taler Kapital in der Tasche, sein ausgezahltes Erbteil. Die Gründe für den Aufbruch scheinen sowohl der politischen Lage in Deutschland als auch dem Zeitgeist geschuldet. Als Angestellter der preußischen Regierung wäre es ihm nahezu unmöglich gewesen, seine technischen Pläne umzusetzen. Auf den letzten Seiten seines Reisetagebuches vermerkt er: "Man erkundige sich nach den riesigen Anlagen des Newyorker-Kanals, des Ohio-Kanals, der Menge kleiner Kanäle, Straßen, Eisenbahnen, und der Teutsche wundert sich, wie dies Alles geschehen konnte, ohne daß ein Heer von Regierungsräthen, Ministern und anderen Beamten zehn Jahre lang vorher darüber deliberiert, eine Menge kostbarer Extrapostreisen gemacht, und so viel Liquidationen darüber geschrieben haben, daß mit dem Betrage derselben, zehn Jahre lang Zinsen auf Zinsen gerechnet, das Werk ausgeführt werden könnte."

Aber nicht nur im Bauwesen sind die Grenzen eng gesteckt. Das politisch geknebelte, von Spitzeln und Zensoren überwachte Metternich-Deutschland lebt in permanenter Angst vor jeder Veränderung. Besonders nach der Julirevolution in Paris 1830 wird die Situation diesseits des Rheins unerträglich. Die Redefreiheit ist aufgehoben, Briefe werden geöffnet, verdächtige Quergeister unter Arrest gestellt. Als die Roebling-Brüder und ihre Freunde 1831 vom Mühlhäuser Bürgermeister endlich den "Consens" zur Ausreise bekommen hatten, war die Freude groß. "Hinaus!", heißt es in einem Abschiedsgedicht, hinaus "in ferne Flur, / Hin auf den Ozean! / Wir folgen froh der Hoffnung Spur, / Vivat, wer wagen kann!"

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