Erstaunlich, wie stabil dieses oft erschütterte Land in den vergangenen 50 Jahren geblieben ist. Woher kam diese äußere Solidität einer innerlich oft zerrissenen Gesellschaft? Warum haben uns weder Westintegration noch Wiederbewaffnung, noch Wiedervereinigung wirklich aus der Fassung gebracht?

Weil es einen Dreh- und Angelpunkt gab, der alles und alle befrieden konnte: die prosperierende Ökonomie.

Während diese Basis stabil war, blieb der Überbau, blieb das Kulturelle stets labil, ja explosiv. Besonders dann, wenn einer der zahllosen politischen und kulturellen Streitpunkte mit Geschichte in Verbindung gebracht werden konnte.

Also fast immer, denn darin sind wir stark, noch die banalste Frage mit Geschichte aufzuladen. Jederzeit konnte sich das Land entflammen und in heftigste polemische Erregung versetzen, man verachtete, beschimpfte und bekämpfte einander, Linke gegen Rechte, Vertriebene gegen Heimatverächter, Revanchisten gegen Internationalisten, Söhne gegen Väter, Väter gegen Söhne, Ossis gegen Wessis - gerade so, als wolle man sich alsbald vom je anderen Teil abspalten. Was all die Streithähne dann aber immer wieder befriedete, waren das ingenieurhafte Schaffen, das kaufmännische Treiben und das perfekte Verwalten, es war unser Wohlstand, seine wundersame Vermehrung sowie seine recht egalitäre Umverteilung.

Jetzt plötzlich, kehrt sich das Verhältnis geradewegs um, der Rhein verändert seine Fließrichtung: Während das Vertrauen in Ökonomie, Sozialstaat und Wachstum zutiefst erschüttert wird, findet zugleich eine Selbstversöhnung der Deutschen in kulturellen und historischen Fragen statt - und das in so hohem Tempo, dass es einem die Tränen in die Augen treibt.

Auch dem Kanzler. Der hat den Bürgern letztens empfohlen, in Das Wunder von Bern zu gehen, Sönke Wortmanns Film über die fünfziger Jahre und den deutschen Sieg bei der Fußball-WM. Der Richtliniengeber tat noch mehr. Er forderte die deutschen Männer auf, es ihm gleichzutun und ihre Tränen der Rührung nicht zu unterdrücken. Und siehe, die Bürger, die sonst selten auf ihren Kanzler hören, tun, was er sagt, strömen massenhaft in diesen Film und unterdrücken ihre Tränen nicht. Nun tut man dem Regisseur bestimmt nicht Unrecht, wenn man sagt, dass sein Film zwar gut gemacht ist, aber nicht so bezaubernd, dass man unbedingt heulen müsste. Man muss nicht, man will. Warum bloß?

Der Film handelt in erster Linie von einer deutschen Ruhrpott-Familie, die durch den spät heimkehrenden Vater beinahe gesprengt wird. Er zeigt zutiefst verwundete Menschen, ein buchstäblich am Boden zerstörtes Land, das sich langsam wieder aufrappelt. Man kann sich nicht erinnern, in den letzten Jahren einen populären Film gesehen zu haben, der mit solcher Wärme und Empathie auf das Deutschland der Fünfziger schaut. Und es ist sicher kein Zufall, dass der Regisseur ein Mittvierziger ist, kein 68er. Denn die Linke, auch die ästhetische, hat dieses Jahrzehnt immer als finstere Vergangenheit stigmatisiert, als eine Zeit voller neureicher Kapitalisten und alter Nazis, eng und spießig, als die Epoche, von der sich die sechziger Jahre abhoben und wegsprengten. Dieses Bild der damals Jungen war natürlich nicht ganz falsch, es war nur einseitig. Vor allem aber ließ es Mitleid mit den Verwundeten ebenso wenig zu wie Bewunderung für die wilde, modernisierende Aufbauleistung. Nicht dass es in den Sechzigern falsch gewesen wäre, gegen den die Vergangenheit verdrängenden Materialismus der Fünfziger zu rebellieren und gegen die Opferpose, mit der die vertriebenen und hungernden Deutschen ihre Mittäterschaft zu relativieren suchten. Jedoch gab es nicht nur die Posen, es gab auch wirkliche Opfer, wirkliches Leid und wirkliche Tapferkeit. Die wurden in den kommenden Jahrzehnten an den Rand der Erinnerung gedrängt. Die Fünfziger waren unter allen Nachkriegsjahrzehnten das hässlichste, das schwarzweißeste, das letzte. Nun wird das Erinnern und Mitleiden nachgeholt, nun wird um die Wette geweint im Wunder von Bern.