Was andernorts im Europa des 20. Jahrhunderts die Reichs- und Luftmarschälle Göring und Harris besorgten, erledigten die Einwohner von Oldenburg in Oldenburg, eine halbe Bahnstunde westlich von Bremen, selber. In den sechziger und siebziger Jahren zerstörten architektonisches Mittelmaß und provinzieller Modernisierungswahn das heil dem Krieg entkommene Residenzstädtchen an vielen Stellen bis zur Gesichtslosigkeit. So überrascht es den Besucher nicht wirklich, im gerade wiedereröffneten Augusteum – einem kleinen Palazzo florentinischen Stils – die hohen Decken von einer vorgehängten groben Gitterflechte entstellt zu finden: auch das Spuren der Nachkriegsverwüstung, und zurzeit aus Kostengründen leider noch zu erdulden.

Dabei war das Haus, das seit dem Ersten Weltkrieg allerlei fremden Zwecken gedient hatte, 1867 als eines der ersten Ausstellungshäuser Norddeutschlands in Public-Royal-Partnership für den städtischen Kunstverein (Hochparterre) und die großherzogliche Gemäldesammlung (erster Stock) errichtet worden. Vor allem die oberen Säle zeigen Louvre-Maße, und beide Etagen sind verbunden durch ein glücklich erhalten gebliebenes Treppenhaus in vollem Freskenornat, wie es sich für eine nationale Galerie des 19. Jahrhunderts geziemt. Die Altmeister-Gemälde, die zuletzt in einer kargen Auswahl vom oldenburgischen Landesmuseum im Schloss vis-à-vis gezeigt wurden, sind jetzt also nur zurückgekehrt an den Ort, der ihnen von alters her zusteht.

Und  es  ist  eine  erstaunliche  Galerie.  Begründet  vor  ziemlich  genau  200  Jahren  von Herzog  Peter Friedrich Ludwig,  der  1804  seinem wackeren Hofmaler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (Goethe ergießt sich in die Campagna) aus dessen eigener Sammlung 86 Gemälde abgekauft hatte, lädt sie heute mit 170 Werken ein zu einer kurzen Promenade durch die europäische  Kunst  vom  späten  Mittelalter  bis zur Aufklärung. (Eine Fortsetzung mit deutscher Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts wird dann am 9. Dezember im so genannten Prinzenpalais gleich nebenan eröffnet.) Allerdings, die meisten der  ganz  großen  Werke,  die  Oldenburg  einst besaß, darunter Rembrandts Bildnis seiner Mutter  als  Prophetin  Hannah oder  Johannes  Versproncks viel geliebtes Mädchen im blauen Kleid – beide heute im Amsterdamer Rijksmuseum –, wurden 1924 vom großherzoglichen Haus, ob des  schnöden  Endes  seiner  gottbegnadeten Herrschaft  ernstlich  verbittert,  per  Auktion verscherbelt und konnten nicht mehr zurückgekauft werden.

Dennoch lohnt die Reise nach Oldenburg, ins Augusteum. Neben Haupt- und Schaustücken wie der besonders kostbaren Heiligen Anna Selbdritt des Hausbuchmeisters (um 1470), wie den in allen Fleischesfarben tönenden Wundern des Heiligen Dominikus von Jacob Jordaens oder Jusepe de Riberas Beweinung Christi – der leuchtend bleiche Leichnam und die kleine Gruppe der Trauernden in eine triumphierende Nacht gesenkt, die jeden Gedanken an die Auferstehung, an ein Weiterleben aufs Festlichste widerlegt –, neben solchen Großwerken lassen sich gerade in der "zweiten Reihe" herrliche Entdeckungen machen.

Es mag der bloße Zufall sein, aber als eine Galerie in der Galerie ergibt sich beim Gang durchs Haus eine Folge der schönsten Frauenporträts. Man kann mit Quentin Massys’ Bildnis der Cornelia Sanders beginnen, dem Leben, wie es war und wie es Gott gefüget hat. Oder mit Joos van Cleves Kirschenmadonna, mehr robuste Jesuskindergärtnerin als im Mutterglück verklärte Maria. Im Saal der Italiener, mit "zweigeschossiger Hängung", begegnet uns Schedonis Magdalena, ein kurios verdichtetes Stillleben aus Totenkopf, Salbentopf, betenden Händen und dem Profil der in Buß’ und Reu’ Entrückten. Daneben Piazettas Heilige Ursula , die Augen zum Himmel erhoben, bangend und also schon zweifelnd. Und schließlich, im großen Saal der Flamen und Niederländer, Jan Lievens’ hinreißenden Mädchenbildnis: das Leben, wie es ist und wie man es lebt und wie es am Ende ganz gewiss gelingen muss.

In vielem erinnert das Augusteum an die ehemals fürstlichen Sammlungen von Kassel oder Schwerin, nur dass es vom Umfang her natürlich wesentlich kleiner ist. Dafür gelang es dem Kurator Axel Heinrich, mit wenigen Mitteln konzentrierte Korrespondenzen zu schaffen. Das Oldenburger Haus bietet keine Leistungsschau der Kunstgeschichte, sondern ein intimes Gespräch zwischen Bildern und Künstlern quer durch die Epochen. Eine Freude, zu sehen und zu lauschen.

Augusteum, Galerie Alter Meister, Elisabethstr. 1, 26135 Oldenburg; Tel. 0441/2207325; Ein Museumsführer ist im Isensee Verlag, Oldenburg, erschienen (95 S., Abb., 5,– Euro)