Haben Chinesen ein besseres Gedächtnis als Deutsche? Sprachwissenschaftler aus China und Deutschland jedenfalls stellten eine "bemerkenswerte Leistungsdiskrepanz" zwischen den Studenten beider Nationen fest. Bei einer der binationalen Testaufgaben ging es darum, sich eine Folge von zehn Ziffern zu merken und sie in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Das schafften 40 Prozent der Chinesen, aber nur 4 Prozent der Deutschen. Ticken chinesische Gehirne also anders? Und liegt es vielleicht daran, dass chinesische Kinder sich von klein auf eine ungeheure Fülle von Schriftzeichen merken müssen und ihr Gedächtnis besser trainiert ist?

So einfach ist die Erklärung nicht, aber tatsächlich ist die Gedächtnisleistung der Chinesen auf ihre Sprache zurückzuführen. Das fanden Forscher aus Göttingen zusammen mit Kollegen der East China Normal University in Shanghai und der Universität von Hangzhou heraus. In verschiedenen Tests wurden den Studenten außer den Zahlenfolgen auch Folgen von einfachen Figuren oder verschiedenfarbigen Quadraten vorgelegt. Und es zeigte sich, dass die Chinesen nicht nur bei den Zahlenfolgen, sondern auch bei fast allen anderen Gedächtnisaufgaben besser abschnitten.

Auf der Suche nach des Rätsels Lösung machten sich die Sprachforscher ein bekanntes Erklärungsmodell der Gedächtnispsychologie zunutze: die fonologische Schleife. Wenn wir uns für kurze Zeit etwas merken wollen, nutzen wir hauptsächlich unsere Sprache. Um eine Information zu behalten, sprechen wir sie uns innerlich – wie in einer Schleife – immer wieder vor; und zwar schnell hintereinander, denn sie wird vom Kurzzeitgedächtnis nur etwa 1,5 bis 2 Sekunden lang festgehalten. Durch dieses Memorieren wird die Information beständig aufgefrischt und bleibt so über das Zeitintervall hinaus dem Gedächtnis erhalten. Das gilt sowohl für akustische Informationen als auch für visuelle, sofern diese beim Lesen in Sprache umgesetzt werden. Die Ziffer 3 wird als Drei "versprachlicht" und so memoriert.

Der Vorsprung der Chinesen bei der Lösung dieser Aufgabe lässt sich dadurch erklären, dass Wörter im Chinesischen sehr viel schneller auszusprechen sind, die fonologische Schleife also gewissermaßen mit mehr Informationen dichter bepackt werden kann.

Außer ihrer prinzipiellen Kürze hat die chinesische Sprache aber noch einen weiteren Gedächtnisvorteil, der sich bei mehrsilbigen Wörtern nutzen lässt: Sie ist morphosyllabisch, das heißt, jede Silbe hat auch eine eigene Bedeutung, vergleichbar etwa deutschen Wörtern wie Welt oder Zeit. Solche Morpheme sind im Deutschen eher rar, die meisten Silben ergeben für sich allein keinen Sinn (Den, Ken, Spre, Chen). Die chinesischen Studenten aber können mit ihrer Memorierstrategie mehrsilbige Wörter wie einsilbige speichern. Die beiden Silben für das Wort Ellipse zum Beispiel (Chinesisch: tuo yuan) bedeuten: elliptisch und Kreis .

Dass die Überlegenheit der chinesischen Gedächtnisleistung tatsächlich auf die Eigenarten der Sprache zurückzuführen ist, konnten die Forscher durch eine Gegenprobe bestätigen: Sie legten den Studenten auch nonverbales Testmaterial vor, Zufallsfiguren, für die es keine verbale Entsprechung gibt, die also nicht mittels der fonologischen Schleife memoriert werden. Und siehe da: Die beiden Studentengruppen lagen im Ergebnis gleichauf. Sabine Etzold