Bagdad

Sabah hätte während des Wachdienstes sowieso nicht schlafen sollen. Er fährt panisch hoch, als am vergangenen Sonntag um sechs Uhr früh ein dröhnendes Beben seine Pritsche durchschüttelt. Die ganze Polizeistation erzittert, sie liegt nur 300 Meter von dem Al-Raschid-Hotel entfernt. Sabah stürzt zum Fenster: Über dem Residenzhotel der Amerikaner glüht die Morgenluft nach den Raketen-Einschlägen.

Sekunden später steht der Polizist schon auf der Straße. Mit drei Kollegen stürmt Sabah an den Stacheldrähten vorbei zum Hotel, wo der stellvertretende US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz übernachtet. Amerikanische Soldaten fangen sie ab. Die irakischen Polizisten fragen, ob sie helfen sollen, die Gegend zu sichern. "No, thanks!" Die Amerikaner brauchen die Hilfe der Iraker nicht. Ende des Früheinsatzes. Sabah und seine Kollegen zucken die Schultern, gehen auf die Wache zurück und trinken Tee. Sie wissen noch nicht, dass sie, die irakischen Polizisten, als Nächste auf der Liste der Terroristen stehen.

Kein Gesetz, kein Respekt

Am Montag greifen Selbstmordattentäter drei Polizeistationen und das Gebäude des Internationalen Roten Kreuzes an. Schwarze Rauchsäulen stehen über Bagdad. Die Straße vor dem Roten Kreuz – ein Trümmerparcours. Überall verkohlte Metallteile, pechschwarze Autowracks. US-Soldaten drängen die Menschen zurück, Jeeps sperren die Straße ab. Vor den Augen verdickt sich die Luft zu Funken und Ruß. Die Stadt hält den Atem an. Wo sprengt sich der nächste Selbstmordattentäter in die Luft?

Das Ziel der Terroristen: Tod aller Helfer der Amerikaner, Zerrüttung der Nerven, Zusammenbruch des Restes an Ordnung in Bagdad. Das Ergebnis: mindestens 34 Tote, Hunderte von Verletzten. Die Raketen, die am Sonntag Paul Wolfowitz im Al-Raschid verfehlten, zerstörten die Hoffnung der Amerikaner auf ein bisschen Sicherheit in den Festungen von Bagdad. Zerplatzt ist die Illusion, sich durch drei Meter hohe Betonmauern, Wälle von Stacheldraht, Tonnen von Sandsäcken schützen zu können. Bagdad ist überall – in der amerikanischen Zitadelle und jenseits davon. Die Selbstmordattentäter am Montag haben mit dem Roten Kreuz den wichtigsten Verbündeten der Amerikaner im befreiten Feindesland getroffen. Und jene Iraker, ohne deren Hilfe weder Ordnung noch Sicherheit über das Land kommen werden. Wer sind diese Iraker? Und wie stehen sie zu den Amerikanern? Im Notfall sind sie für die US-Soldaten leicht zu erreichen. Sie stehen im Telefonbuch, die Nummer 104 für die Polizei, 115 für die Feuerwehr. Bei der Polizei ist derzeit immer besetzt.

Sabah sitzt am Telefon. Seine Wache ist intakt geblieben. Wen hat es getroffen? "Einen alten Bekannten hat es erwischt", nuschelt der 34-jährige Polizeileutnant in seinen buschigen Schnauzer. Er tippt nervös auf der Telefontastatur. Die Leitungen sind zusammengebrochen. Sabah dreht seinen großen Körper auf dem Drehstuhl: "Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir Polizisten angegriffen werden." Auch wenn es nie zuvor so schlimm war. Vor zwei Monaten wurden sie auf dieser Wache beschossen. Auch ihn traf es. Zum Glück nur am Arm. Aber es war schon das zweite Mal, dass man ihn angeschossen hatte.

Die schmerzende Wunde war für den durchtrainierten Mann fast leichter zu ertragen als der Streit mit seiner Frau danach. "Wirf sofort den Job hin!", schrie sie ihn an. "Wovon leben wir dann?", gab er zurück. Immerhin legt das neue Innenministerium unter amerikanischer Anleitung 180 Dollar pro Monat in den Gehaltsumschlag, das ist neunmal mehr als unter Saddam Hussein. Und trotzdem ist Sabah unzufrieden. "Zwei Mal war ich verletzt und habe keine Kompensation bekommen, keine Auszeichnung, nicht ein lumpiges Wort der Anerkennung." Was ihn besonders ärgert: Die zivilen Beamten erhalten genauso viel Geld wie er. "Aber wir halten den Kopf hin."