Eine Frau sieht klar: Klassische Musik, das hat die amerikanische Star-Autorin Donna Leon kürzlich gesagt, mache die Welt keinen Deut besser und keinen Deut schlechter. Trotzdem oder gerade deswegen könne sie persönlich sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen - insbesondere kein Leben ohne Händel. Die Erfinderin des venezianischen Commissario Brunetti erforscht nämlich nicht nur die Abgründe menschlich-italienischen Verbrechens, sie ist auch und vor allem eine Händel-Opern-Verrückte. Kaum eine Premiere vergeht, und sei diese noch so tief in der abendländischen Provinz versteckt, bei der sie nicht gesichtet würde. Georg Friedrich Händel, sagt Leon, mache sie einfach glücklich. Eine dieser Glücksrationen muss sich die erklärte Gegnerin extravaganter Regie-Taten vor knapp einem Jahr im Wiener Konzerthaus geholt haben, wo Marc Minkowski, Les Musiciens du Louvre und eine opulente Sängerschar (von Magdalena Kozena über Anne Sofie von Otter bis Charlotte Hellekant und Marijana Mijanovic) mit einer konzertanten Aufführungsserie des Giulio Cesare zu hören waren. Der Händel-Himmel auf Erden, schwärmt Leon bis heute: Viermal hintereinander hätte sie sich das gegönnt, viermal in einer Woche Va tacito, viermal Son nata a lagrimar, das wie unter einem Schleier aus Melancholie und Magie schimmernde Duett Cornelia - Sesto, viermal Piangero, die berühmte Klage der Cleopatra aus dem dritten Akt. Ein Live-Mitschnitt aus Wien ist nun bei Archiv-Produktion erschienen (474 210) - und so ganz lässt sich die Begeisterung der Erfolgsschriftstellerin nicht nachvollziehen.

Gewiss, Minkowski - der Tanzbär unter den jüngeren Verfechtern der historischen Aufführungspraxis - hat den richtigen Händel-Drive raus: lustvoll in die Extreme getriebene Tempi, ein trockener, wie auf Sprungfedern wippender Sound, plastisch ausformulierte Rezitative, knatternde Bläser, wo Bläser knattern sollen (etwa zu Beginn der scena ultima), silbrige Streicherfäden, wo es gilt, Tränen zu trocknen und Trost zu spenden.

Vielleicht aber ist Minkowski mit diesem rhetorischen Vokabular einfach zu vertraut, vielleicht hat er in seinem Dirigentenleben niemals echte technische oder musikalische Schwierigkeiten kennen gelernt. Der Drive verleitet ihn jedenfalls dazu, dieses dramma per musica auf eine leichte, elegante, letztlich aber arg unkomplizierte Weise zu schultern. Die Figuren haben nur wenig Tiefenschärfe, die Tragik des Geschehens bleibt seltsam blass und folgenlos (sehr lehrreich ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich mit René Jacobs Einspielung mit dem Concerto Köln von 1991, 901385.87 bei harmonia mundi). Aber schöne Musik bietet Minkowski immerzu - Musik, die die Welt nicht verändert.