Was in ihrer Macht steht, hat sie getan: Gleich nach der Schule absolvierte sie ein Berufsvorbereitungsjahr (BVJ), und weil das nicht reichte, machte sie im folgenden Jahr gleich noch mal eins. Ruxandra hat ihren Hauptschulabschluss in der Tasche. Doch für ihren Traumberuf Kinderpflegehelferin langt es nicht. "Meine Noten sind zu schlecht." Was soll’s, mach ich halt noch ein Jahr, dachte sich die 16Jährige. Doch bevor sie sich zum dritten Mal für ein BVJ anmelden konnte, machten ihr Jutta Guterl und Klaus Fellhauer einen Strich durch die Rechnung: Die beiden Leiter der Robert-Koch-Förderschule in Heidelberg verdonnerten ihre ehemalige Schülerin dazu, auf den Traumjob erst einmal zu verzichten. Seit September macht Ruxandra nun eine Lehre zur Gebäudereinigerin. "Denn ihre Aussichten auf einen Ausbildungsplatz wird sie nicht verbessern können, indem sie ein Vorbereitungsjahr nach dem anderen macht", sagen ihre Schulleiter.

Manche Hilfsprogramme versprechen viel und halten wenig

429275 Sonderschüler gibt es in Deutschland. Ein Großteil von ihnen wird nach neun Schuljahren ähnliche Schwierigkeiten haben wie Ruxandra. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat ermittelt, dass im vergangenen Jahr allein 29000 junge Menschen in Hilfsprogrammen ausharrten, die so vielversprechende Namen tragen wie tip-Lehrgang (das steht für testen, informieren und probieren vor dem Berufseinstieg), Grundausbildungslehrgang (für alle, die keinen Arbeitsplatz gefunden haben, egal, mit welchem Schulabschluss) oder Berufsbildungsgrundjahr (hier wird ein bisschen in Sachen Metall- oder Elektrotechnik, Raumgestaltung oder auch Körperpflege qualifiziert). Nach den Lehrgängen ist weder ein Berufseinstieg noch ein Ausbildungsplatz sicher: 2002 gab es in Industrie und Handel rund acht Prozent weniger Plätze als im Jahr zuvor, das sind 25000 Stellen. Auch im Handwerk fielen 14576 Lehrstellen weg. Von 718000 Ausbildungsbewerbern, die sich beim Arbeitsamt gemeldet haben, standen Ende September noch immer 200000 mit leeren Händen da.

"Unsere lernbehinderten Schüler sind angesichts dieser Zahlen neben den Abiturienten, Real- und Hauptschulabgängern chancenlos." Eigentlich geht Jutta Guterl und Klaus Fellhauer die Ausbildung ihrer ehemaligen Schüler gar nichts an. Aber sie bringen es nicht übers Herz, sie einfach auf die Straße zu setzen. "In Berufsschulen und Bildungswerken kommen sie immer unter, aber reguläre Ausbildungsplätze gibt es für sie nicht", sagt Jutta Guterl. Gab es nicht. Denn in diesem Jahr haben sie sechs Schülerinnen auf einen Schlag vermitteln können, an eine Firma für Gebäudereinigung. Die hat eine Griechin gegründet, die einmal aus Athen nach Heidelberg kam, um Mathematik zu studieren. "Das Studium habe ich abgebrochen, nicht weil Griechen so gut putzen können, sondern weil der Beruf wahnsinning vielfältig ist",sagt Angeliki Papaqiannaki-Sönmez. Die Glas- und Gebäudereinigermeisterin hat inzwischen 35 Mitarbeiter.

Sechzehn neue werden in den nächsten Jahren dazukommen: Denn Angeliki Papaqiannaki-Sönmez hat versprochen, auch im nächsten und übernächsten Jahr jeweils fünf ehemalige Förderschüler auszubilden. Und damit die Schülerinnen am Ende auch die Gesellenprüfung schaffen, findet die Ausbildung an der Robert-Koch-Schule statt. Deren Reinigungsauftrag hat die Stadt – wohl wissend, dass hier Förderschüler vor dem Abstieg in die Sozialhilfe bewahrt werden – an die Firma Sönmez übergeben. So beginnen die Schüler in einer gewohnten Umgebung mit ihrer Ausbildung und haben nebenbei auch noch Zeit zum Lernen. Jeden Vormittag unterrichten Lehrer der Robert-Koch-Schule drei Stunden, um den Stoff aus der Berufsschule aufzuarbeiten. Diesen Extra-Unterricht hat der "Freundeskreis der Schule" möglich gemacht. Der Verein ist Träger dieser Ausbildungsbegleitung, vom Arbeitsamt gibt es dafür 300 Euro im Monat pro Schüler.

Und regelmäßig kommt Angeliki Papaqiannaki-Sönmez und vermittelt theoretisches und praktisches Fachwissen. Damit findet nicht nur eine sporadische Anleitung im Arbeitsalltag statt, sondern eine systematische Schulung.

"Wir sind ein kleines Berufsbildungwerk", sagt Klaus Fellhauer und träumt davon, dass andere Schulen nachziehen. Denn für das traditionelle Berufsbildungswerk zahlt das Arbeitsamt 50000 Euro pro Schüler im Jahr. Damit die Firma Sönmez sich die Ausbildung eines lernbehinderten Schülers leisten kann, reichen 3600 Euro im Jahr. "Ein wirtschaftliches Risiko bleibt natürlich", sagt Angeliki Papaqiannaki-Sönmez. "Ich habe auch schlaflose Nächte. Jeder Unternehmer erschreckt, wenn er sich Förderschüler in seinem Betrieb vorstellt, die Schwierigkeiten beim Lesen und Sprechen haben. Aber ich brauche die Herausforderung und glaube, dass sich Intelligenz entwickeln lässt."

"Arbeitslosigkeit ist in unserer Branche ein Fremdwort"