Wenn sich die Nacht über die amerikanische Großstadt senkt, die Kakofonie aus HipHop-Beats, hupenden Taxis und dem Gemurmel von Werbetrailern allmählich abebbt, erklingt irgendwo zwischen Supermärkten und Internet-Cafés leise summend der Blues. "Soon I will be done with the troubles of the world", singt diese Stimme - aber Ursula Rucker sehnt weder die Erlösung im Jenseits des Gospel herbei, noch gehen ihr die Penthouse-Träume des zeitgenössischen Rhythm 'n' Blues über die Lippen. Ihre Autorität stammt von einem Ort, der ohne Versprechen auskommt: "I am, I live, I matter" - ich lebe, also bin ich, egal was Welt und Gesellschaft dazu sagen. "Treat us like a motherfucking bunch of misfits / then say: stop talking all that slave shit' ..."

Die schwarze Poetin aus Philadelphia muss nicht laut werden, um Wirkung zu erzielen. Sie setzt ihre Worte wie elegante Boxer ihre Haken: ansatzlos, trocken und mit klarem Kopf. Sie erinnert an die dunklen Kapitel in der Erfolgsstory Amerikas, wieder und wieder, so lange, bis vergessene Geschichtslektionen als unbequeme Wahrheiten wiederkehren. Ähnlich funktioniert auch der musikalische Background ihres neuen Albums Silver Or Lead (K7 Records). Abstrakte HipHop-Klänge, Elektronica und aus dem Off heranwehende Frauengesänge weben eine Late-Night-Atmosphäre, die Ursula Ruckers sanft rhythmisierte Erzählungen oft wie Eingebungen einer Nachtwandlerin erscheinen lassen. Erst nach und nach dringt die Schärfe ihrer Worte ins Bewusstsein. Wenn die zweifache Mutter etwa in einem Nebensatz den Ghetto-Mythen der Rapper die Luft ablässt: "Ain't gotta spit no gun click shit cause ... life is hardcore 'nuff". Oder unter dem Titel Return To Innocence Lost von der unglücklichen Familiengeschichte eines erschossenen Drogendealers erzählt - es ist die Geschichte ihres eigenen Bruders.

Das Stück ist schon einmal erschienen, auf einem Album der HipHop-Band The Roots, doch erst auf Ruckers eigener CD wird es zum Puzzlestein im Geschichtsbild einer selbstbewussten Anklägerin, die von den Rändern kommt.

Dass Silver Or Lead neben vier neuen Titeln und einigen unveröffentlichten Songs Werke enthält, die bisher nur auf Platten anderer Künstler zu hören waren, macht andererseits Wahlverwandtschaften deutlich, von den englischen Jungle-Virtuosen 4 Hero bis hin zur Berliner Jazzanova-Crew. Wer sich dermaßen vom kommerziellen HipHop-Ethos entfernt, ist zwangsläufig einsam.

Doch Ursula Rucker weiß, dass genau darin ihre Stärke liegt: "Lonely can be sweet / my soul's music / my life beat ..."