Kommt es nun von oben oder von unten? Ist das metallene Glitzerding mit seinen windschief verdrehten und geblähten Flächen, den rasant geschwungenen und kühn aufschießenden Kanten wie eine Krone auf das Haupt von Bunker Hill gefallen, dem Hügel in Downtown Los Angeles, an dem sich die Hochhäuser der Banken und Versicherungen drängeln? Oder ist es durch die mit Marmor, Beton und Asphalt versiegelte Fläche krachend gebrochen wie eine stählerne Rose? Die Skulptur von Frank O. Gehry, die man gar nicht ein Gebäude nennen möchte, verschweigt ihre Herkunft. Nur eines ist sofort klar: Sie entstammt einer anderen Welt und einem anderen Denken. Sie verströmt nicht den kalten, abweisenden Hochmut, der um sie herum dominiert, sie negiert die Vierkant- und Zylinderlogik der Bankentürme. Die Kalifornier, in deren großen Sonnenbrillen sich der blitzende Stahl spiegelt, fragen irritiert, was dieses neue Ding wohl darstellen soll: eine spektakulär sich auffaltende Knospe, eine Barke mit Spinnaker und Großsegeln in vollem Wind, wie der Architekt es in Interviews nahe gelegt hat, oder einen im Regen aufgeweichten, silbern gespritzten Pappkarton, wie es in einem Artikel der Los Angeles Times zu lesen war?

Von der Idee über die Pleite zum Triumph

Was ein einzelnes Gebäude alles bewirken kann. Eigentlich hat Frank O. Gehry nur einen neuen Konzertsaal für das Los Angeles Philharmonic Orchestra gebaut. Er steht neben dem Dorothy Chandler Pavilion, einem muffigen, monumentalen Kulturpalast aus den sechziger Jahren, in dem sich das Orchester bisher einen akustisch unbefriedigenden, riesigen Theatersaal für 3000 Zuhörer mit dem Opernhaus teilen musste. 15 lange Jahre zogen sich die Planungen, die mehrfach unterbrochenen Bauphasen und immer neue Finanzierungskampagnen hin, sodass es den Los Angelenos am Ende fast wie ein Wunder vorkommt, dass das Gebäude überhaupt fertig gestellt wurde. Jetzt, wo es endlich steht, ist es nicht nur die neue Residenz für ein Sinfonieorchester, sondern viel mehr – das aktuelle Lieblingsspielzeug in L.A., ein Superklunker, very high-glitz und top of the world.

Die Walt Disney Concert Hall soll für die Stadt werden, was das Opernhaus für Sydney und der Eiffelturm für Paris ist: ein Wahrzeichen, das es in seiner ikonografischen Kraft mit dem Hollywood-Schriftzug über Beverly Hills aufnehmen kann. Der Traum von einer urbanen Mitte soll mit dem Bau in Erfüllung gehen – in einer Metropole, in der die Energien von jeher in alle Richtungen auseinander streben. An der Disney Hall werde sich ein neues städtisches Bewusstsein aufrichten. Vor allem aber soll sie der Stadt endlich die Anerkennung als Kulturmetropole bringen, die ihr viele – nicht zuletzt die Ostküstenamerikaner – nach wie vor verweigern. "Wir sind nicht mehr Lala-Land!", hat Richard Riordan, der ehemalige Bürgermeister, bei der Eröffnung gerufen.

Das ist das Tolle an Kalifornien: dass sich die Ideen und Hoffnungen dort immer gleich in den Himmel schrauben wie die Lichtfinger der Scheinwerfer bei einer Hollywood-Premiere. Und dass man sich zu gegebenem Anlass stets selbst neu erfindet. Bei der Disney Hall ist es das reiche, weiße Bürgertum, das mit dem Bau die Stadt und die Kunst und die Weltkarte der Kultur (und ein bisschen natürlich auch sich selbst) neu definieren möchte.

Das hat freilich viel gekostet: 274 Millionen Dollar, zum überwiegenden Teil finanziert aus den Privatschatullen der Milliardäre. Den größten Scheck hat Lilian Disney, die Witwe von Walt, ausgestellt. 50 Millionen Dollar, die das Projekt ins Rollen brachten. Frank und Lilian. Sie sind das kurios ungleiche Traumpaar dieser L.-A.-Erfolgsgeschichte. Er war 1988, als er die Wettbewerbsausschreibung gewann, noch der verrückte und weitgehend unbekannte Architekt aus Santa Monica und sie eine alte Dame, die sich für Gärten interessiert, Delfter Porzellan sammelt und Gehrys Pläne nicht verstand. Sie war aber generös genug, ihren Geschmack nicht geltend zu machen. Er hat im Gegenzug einen wunderschönen Garten als Pausenterrasse in die Konzerthalle gebaut, die Sitze des Saals mit buntem Blumenmuster bezogen und einen verwirbelten Brunnen in Rosenblütenform entworfen – aus echtem, allerdings in Scherben zerschlagenen Delfter Porzellan. A Tribute to Lilian.

Zu einem Hollywood-Film gehören natürlich auch die drohende Katastrophe und der Held, der sie im letzten Moment abwendet. Er heißt Eli Broad, ist vierfacher Milliardär, einer der reichsten Männer von Los Angeles. Als die Kosten für den Konzertsaal über die ursprünglich geplanten 100 Millionen Dollar immer höher hinausschossen, das Vertrauen der mäzenatischen Investoren in das Projekt rapide schwand und 1997 die Kommune auf ihrer mit Anleihefinanzierung bereits gebauten Parkgarage sitzen zu bleiben drohte, ging Broad zu seinem Freund Richard Riordan und sprach den großen Satz: "Dick, wir haben das Erdbeben, die Rassenunruhen und die Rezession überstanden, da können wir jetzt nicht die weiße Fahne hissen. Lass uns das Pony heimholen." Die beiden steckten weitere Millionen in das Bauprojekt, starteten eine neue Fundraising-Kampagne und saßen letzte Woche in schwarzen Smokingfliegen mit 2000 weiteren Galagästen zufrieden im großen Spenderzelt mitten auf der Grand Avenue.

Wohlgeraten ist das Pony. Zu jeder Tageszeit leuchtet es von außen in einem anderen Licht, und die Foyers sind ein wahrer Abenteuerspielplatz der Gehryschen Fantasie. Formschöne hölzerne Klötze wachsen wie Wurzelverzweigungen aus den Pfeilern, und effektvoll werden Wandwölbungen von Balken durchstoßen. Hinter jedem Rolltreppenaufgang und jedem Rondellbogen wartet ein neues Raumerlebnis: der verwinkelte Ausblick auf das Blau des kalifornischen Himmels oder die hölzerne Blase eines Nebensaals für Einführungsvorträge und Kammermusik. Die Terrasse mit dem Garten scheint über der Stadt zu schweben, zwei kleine Amphitheater (eines davon für Kinderaufführungen) sind in der begehbaren Stahlskulptur versteckt. Der Raum will erwandert werden wie eine Landschaft und ist im Außenbereich auch für den zugänglich, der kein Konzertticket besitzt. Darauf hat Gehry besonderen Wert gelegt: dass das Haus nicht als eine elitäre Trutzburg der Künste erscheint (wie der alte Dorothy Chandler Pavilion), sondern sich nach außen öffnet und zu einem Besuch einlädt.