Die Tinte war noch nicht ganz getrocknet, da wurde die als Sieg europäischer Diplomatie gefeierte Vereinbarung von hohen iranischen Politikern schon wieder infrage gestellt. Am 21. Oktober hatte die iranische Regierung in Gegenwart der Außenminister Deutschlands, Großbritanniens und Frankreichs in Teheran eingewilligt, das Zusatzprotokoll der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zu unterzeichnen und den Inspektoren ungehinderten Zutritt zu den iranischen Atomanlagen zu gewähren. Außerdem stimmte Iran zu, die Anreicherung von waffenfähigem Uran auszusetzen.

Während die drei Außenminister die Zugeständnisse Irans als positiven Schritt begrüßten, erklärte der iranische Verhandlungsführer und Vorsitzende des Nationalen Sicherheitsrates, Hassan Rowhani, am 24. Oktober, Iran verfüge über Technologie, um Uran anzureichern und werde dieses Programm keinesfalls aufgeben. Mit der Vereinbarung habe man die vereinigte Front gegen Iran durchbrochen und Europa und Amerika gespalten. Im Hinblick auf die Inspektionen durch die IAEA verwies er darauf, dass der Zugang zu religiösen und politischen Einrichtungen verwehrt bliebe. Auch Präsident Chatami sieht in dem Programm zur Urananreicherung eine Errungenschaft der islamischen Revolution und ein grundlegendes nationales Recht, auf das Iran niemals verzichten werde.

Die Übereinkunft am 21. Oktober hat eine Eskalation des Konflikts um das iranische Atomprogramm erst einmal vertagt. Ob die Mullahs jedoch tatsächlich bereit sind nachzugeben oder nur taktieren, um Zeit zu gewinnen, ist längst nicht ausgemacht. Iran hat zahlreiche Gründe, den Besitz von Atomwaffen anzustreben. Sie liegen in der iranischen Geschichte, der geopolitischen Lage des Landes und der Psychologie der Bevölkerung.

Schon in den sechziger Jahren träumten die Iraner, erfreut über die Entdeckung reicher Uranvorkommen im Lande, von Atomkraftwerken und dem Besitz der Atombombe. Dies würde Iran zu einer vorherrschenden Machtstellung in der Region verhelfen und für immer von der Angst vor Übergriffen feindlicher Nachbarstaaten, vor allem des Iraks, befreien. Damals sprach der Schah in den gleichen hohen Tönen über Kerntechnologie wie heute die Führer der islamischen Republik: Sie sei ein Symbol der Nationalehre und die Grundlage für industriellen Fortschritt. Amerika, heute der vehementeste Gegner des iranischen Atomprogramms, errichtete im Jahre 1968 auf Wunsch seines damaligen militärischen Verbündeten das erste iranische Atomkraftwerk, eine Forschungs- und Lehrzwecken dienende Fünf-Megawatt-Anlage. Wie zur Erinnerung ist sie noch heute in Betrieb. 1974 vereinbarte Iran mit der Siemens-Tochter KWU den Bau zweier Atomkraftwerke in der südiranischen Stadt Bushehr, die 1980 in Betrieb genommen werden sollten. Zwar unterzeichnete der Schah 1970 den Atomwaffensperrvertrag, aber es war ein offenes Geheimnis, dass Iran unter dem Schutz Amerikas und in Konkurrenz zum Irak, der der Sowjetunion nahe stand, und zu Pakistan, das China zugeneigt war, die Grundlagen zum Bau der Atombombe schuf.

Die iranische Revolution von 1979 änderte die Lage. Mit der Geiselnahme amerikanischer Diplomaten in Teheran begann der Kampf der islamischen Fundamentalisten gegen den "großen Satan" Amerika. Zu den erklärten Zielen der islamischen Republik gehört die Vernichtung Israels. Das Atomkraftwerk in Bushehr wurde deshalb von westlichen Firmen nicht fertig gestellt, die Klage Irans gegen Siemens auf Entschädigung 1990 abgelehnt. Trotz solcher Unstimmigkeiten versuchten europäische Länder jedoch, den Platz Amerikas einzunehmen: Deutschland wurde zum wichtigsten Handelspartner Irans, französische Firmen übernahmen die Führung auf dem Erd-öl- und Erdgassektor. Um militärisch aufzurüsten, wandte sich Iran nunmehr an Russland, China und Nordkorea. Im Jahre 1995 übertrug man Russland auch den Bau des Atomreaktors in Bushehr.

Ende 2002 brachten Satellitenbilder die Existenz einer weiteren geheimen Atomanlage in Natanz, rund 300 Kilometer südlich von Teheran, zutage. Die Inspektoren der IAEA fanden einen weitläufigen Nuklearkomplex vor, den man sorgfältig mehr als 20 Meter unter der Erde verborgen und durch 2,5 Meter dicke Wände vor möglichen Luft- und Raketenangriffen geschützt hatte. Hier stieß man auf Spuren hoch angereicherten waffenfähigen Urans. Iran erklärte, man habe die betroffene Zentrifuge über Zwischenhändler gekauft und sie sei bereits verunreinigt gewesen.

Im September 2003 fanden die Inspektoren der IAEA erneut Reste hoch angereicherten Urans, diesmal in einer angeblichen Elektrofabrik im Süden Teherans. Nach den letzten Berichten verfügt Iran über Atomreaktoren in Bushehr, Teheran, Natanz und Ramsar und über drei Atomkomplexe in Isfahan. Die üppigen Uranvorkommen in Yazd in Zentraliran werden zurzeit zügig abgebaut. Überdies testete Iran im Juli 2003 seine Mittelstreckenraketen vom Typ Shahab 3 mit einer Reichweite von 1500 Kilometern. Die Raketen, die auch zum Transport von Atomsprengköpfen geeignet sind, könnten sowohl auf israelische Städte als auch auf amerikanische Stellungen im Irak gerichtet werden.

Bis September zeigte sich die EU gegenüber Iran meist zurückhaltend. Nach dem Sturz Saddam Husseins ist Iran das einzige erdölreiche Land in der Region des Persischen Golfs, das Amerika seine Ressourcen und seinen Markt aus Feindschaft verweigert, den europäischen Staaten jedoch zur Verfügung stellt. Jeder Regimewechsel in Iran könnte den Einfluss der EU verringern. Die meisten europäischen Staaten, insbesondere Deutschland und Frankreich, konzentrierten daher ihre Bemühungen auf die Unterstützung der islamischen Reformer. Deren Sieg bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen förderte in Europa und selbst in einigen politischen Kreisen in den Vereinigten Staaten die Zuversicht auf ein Einlenken Irans auf strittigen Feldern.