Wer jetzt die Gefilde der Agonie an der FDP-Basis aufsucht, hört vor allem eine Formel der Verzweiflung: "Wo ist unser Alleinstellungsmerkmal?" Nichts verbittert die Mitglieder so sehr wie die Tatsache, dass gerade im Herbst der Reformen das "Alleinstellungsmerkmal" Reformpartei abhanden kam. Nun aber zeigt sich ein Alleinstellungsmerkmal ganz anderer Art: In keiner anderen Partei wird man eine so verblüffende Ähnlichkeit von Fremdbild und Selbstbild erleben können. Es ist eine Identität der Misere. Was auch immer die Medien kritisieren, wird von den Selbstvorwürfen der Mitglieder bestätigt. Die Stimme der Öffentlichkeit und der Protest der Parteibasis verschmelzen zum Kanon. "Das ist die Stunde der Liberalen", aber "wo ist die FDP?" – so ruft es in die Partei hinein, so schallt es heraus.

Liberale ganz unten: Auf der Jahreshauptversammlung des Kreisverbandes Schwäbisch Hall referiert der Bundestagsabgeordnete Ulrich Heinrich die Bundespolitik: "Wir geben kein gutes Bild ab. Wir haben vieles strategisch falsch eingeschätzt und" – da ist es wieder! – "unser Alleinstellungsmerkmal ist in die Hose gegangen." Diese resignierte Kritik lässt die 30 Mitglieder im Saal erbeben. Rainer Blobel, Leiter der Frauenklinik, hochgeachtet wegen seines ehrenamtlichen Engagements, springt auf: "Mich packt die kalte Wut. Ich fühle mich nicht mehr durch die Parteispitze vertreten. Die Bayernwahl ist schief gegangen, weil es in Berlin stinkt. Wir können keine inhaltliche Debatte führen, es müssen erst die Personen ausgetauscht werden."

Geschlossene Heimeinweisung

Und die Jungen? Bundeskongress der Jungliberalen in der Mehrzweckhalle des Bürgerhauses von Köln-Hürth. Auch Pinkwart, der NRW-Vorsitzende, beklagt, dass die FDP ihr "Alleinstellungsmerkmal Freiheit" verloren habe, und schließt, die Partei müsse jetzt "ihre Stärken stärken und ihre Schwächen neutralisieren und nicht umgekehrt". Auch hier erbebt der Saal, provoziert von der milden Kritik. "Wo sind denn gegenwärtig die Stärken der FDP? Benennen Sie doch die Schwächen endlich", ruft Cordt Detering, stellvertretender Vorsitzender der Jungliberalen. Der Saal antwortet mit rhythmischem Beifallsturm. Der Delegierte Marko Buschmann aus Nordrhein-Westfalen tobt am Mikrofon: "Wenn es weitergehen soll mit der FDP, muss es eine geschlossene Heimeinweisung des Präsidiums geben. Was sich da in Berlin abspielt, ist doch der Aufstand der Zwerge."

Ein Gleichklang von Wut und Ohnmacht. Dennoch liegen liberale Welten zwischen Köln-Hürth und Schwäbisch Hall, dem Wahlkreis des baden-württembergischen Landeschefs Döring. Dort kann die Partei mit einer liberalen und zugleich sozial engagierten Bürgerschaft rechnen. Bei der letzten Landtagswahl kam der Kreis auf 23,9 Prozent FDP-Stimmen. Der Kreisvorsitzende Zeller, Kundenbereichsleiter im Arbeitsamt, ist stolz, dass auch Sozialhilfeempfänger Mitglied sind. "Wir sind hier keine Oberschichtpartei, wir sind eine Volkspartei." Dennoch hält er nichts von der Idee einer liberalen Volkspartei, nichts vom Projekt 18, nichts von der "Äquidistanz" und dem "ganzen intellektuellen Scheiß". Sein Credo: "Wir gehören ins bürgerliche Lager."

Die Jungliberalen hingegen glauben an die Volkspartei und sehen sich im Kampf mit den "Traditionalisten", die nur "die kleine, aber feine FDP" wie in Schwäbisch Hall wollen. Volkspartei, das heißt alle politische Themen, das heißt weg von der Wirtschafts- und Klientelpartei. Cordt Detering war im Team 18 vor der Bundestagswahl und schwärmt von der "veränderten Kommunikation" und der "offenen Ansprache" bei mehr als 150 Straßenwahlkämpfen. "Aber dann haben wir es nicht geschafft, Inhalte hineinzubringen." So tonlos werden allenthalben das Desaster mit der "Spaßpartei" und das Möllemann-Trauma umschrieben. Westerwelle sei "noch immer das Idol der Jungliberalen", betont ihr Bundesvorsitzender Daniel Bahr. Noch. Aber er kann nicht die tiefe Enttäuschung über den Parteivorsitzenden verhehlen. Auf dem Bundeskongress gab es sogar einen Antrag, Westerwelle den "automatischen Vertrauensvorschuss zu entziehen". Aber vor allem empören sich die Jungliberalen über die Landesfürsten, über die Brüderles, Kubickis, Dörings und ihre Heckenschüsse. "Die Traditionalisten wollen die Volkspartei gegen die Wand fahren und den Vorsitzenden plattmachen."

In beiden Parteiwelten wird dennoch die Kritik des Berliner Fraktionschefs Martin Lindner an der "verwaschenen Volkspartei" und ihrem "Klientelismus" als ein richtiger Anfang der inhaltlichen Debatte gefeiert. Doch irgendwann endet alle inhaltliche Kritik bei der Personalfrage. Aber da keine personellen Alternativen sichtbar sind, die die Lage ändern würden, heißt es dann wieder: Zurück zu den Inhalten. Nicht einmal die Ablösung der wenig geschätzten Generalsekretärin Cornelia Pieper wird gefordert. Angesichts der Probleme der Partei wäre das ohnehin nur Kosmetik.

Bislang ist Guido Westerwelle der Krise der FDP rhetorisch immer vorausgeeilt. Kaum zeigte sich eine Schwäche, schon deutete er sie zu einer Stärke um. So hat er nun auch die Zeit des Versagens und Verzagens zur "produktiven Unruhe" ernannt und sich mit der Ankündigung eines Grundsatzpapiers für den 2. November eine Atempause verschafft. Dosierte Stichworte gibt es vorab. Dass "der Eindruck" einer Klientelpartei entstanden sei, sehe er "absolut selbstkritisch". Man habe nach den Wiesbadener Grundsätzen "konzeptionell nicht weitergearbeitet". Seine Anregung, die Apothekerprivilegien, die Handwerksordnung, die Gebührenordnung der Freiberufler zu reformieren, hat er sich von der Fraktion förmlich als "Kurswechsel" absegnen lassen. Nun wartet die Partei auf sein Papier, und sie erwartet viel, vor allem mehr als das bisher Gesagte. Lindner will ein Papier, das "schärft, abgrenzt und polarisiert. Keine Beruhigungspille, sondern eine Wende".