Wohl kein Land wird den Deutschen in der wirtschaftspolitischen Diskussion so oft als Vorbild offeriert wie die Vereinigten Staaten. Kein Wunder: Während die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland den Sozialkassen das Geld raubt, brach Amerika in den vergangenen Jahren einen Beschäftigungsrekord nach dem anderen.

Von 1970 bis 2000 hat sich in Amerika die Beschäftigung um 75 Prozent erhöht, in Deutschland dagegen nur um drei Prozent (bereinigt um den Vereinigungseffekt). Gleichzeitig ist der US-Arbeitsmarkt im Vergleich zu Deutschland kaum reguliert, und die US-Gewerkschaften sind fast bedeutungslos. In Amerika besteht so gut wie kein Kündigungsschutz, und die Arbeitslosenunterstützung ist knapp bemessen und zeitlich eng begrenzt.

Politiker fast aller Parteien zählen daher eins und eins zusammen und haben die Ursache der deutschen Beschäftigungsschwäche ausgemacht: Der Arbeitsmarkt sei zu starr. Wegen des starken Kündigungsschutzes seien Entlassungen sehr kostspielig, deshalb zögerten die Unternehmen, neue Leute einzustellen. Außerdem seien Arbeitslosengeld und Sozialhilfe so hoch, dass viele Leute keinen Grund sähen, sich einen Job zu suchen.

Die Folge sei, dass die Arbeitslosigkeit in der Vergangenheit trotz Wirtschaftswachstum nicht gesunken sei. Eurosklerose nennen Experten das Phänomen, das nicht nur auf Deutschland, sondern auch auf andere europäische Länder zutraf. In fast ganz Europa machten sich die Regierungen daher daran, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren. Auch die Bundesregierung hat eine Reformoffensive gestartet. Ein gelockerter Kündigungsschutz und eine geringere Unterstützung für Arbeitslose sind Teil davon.

Da mutet es als bittere Ironie an, dass ausgerechnet das vermeintliche Vorbild USA derzeit ein Phänomen erlebt, das die Deutschen so gut zu kennen glauben: Wirtschaftswachstum ohne Beschäftigungszunahme.

Seit dem Tiefpunkt der jüngsten Rezession wächst zwar die amerikanische Wirtschaft wieder kräftig, aber die Arbeitslosigkeit sinkt nicht, im Gegenteil. Die Behörden mussten sogar die mageren Beschäftigungszuwächse des zweiten Vierteljahrs 2003 nochmals nach unten korrigieren. Statt eines knappen Zuwachses ist die Beschäftigung in den USA geschrumpft. Wie ist das möglich?

Von 1970 bis 1996 betrug in den USA die Beschäftigungsschwelle, also die Wachstumsrate der Wirtschaft, die zu unveränderter Beschäftigung führt, nur 1,1 Prozent. Jeder Prozentpunkt Wachstum oberhalb dieser Marke erhöhte die Zahl der Jobs. Und weil die Wirtschaft mit durchschnittlich drei Prozent pro Jahr wuchs, war das Beschäftigungswunder gar nicht so verwunderlich.

Ganz anders in Deutschland. Hier lag die Beschäftigungsschwelle zwischen 1970 und 1996 etwa doppelt so hoch. Erst ab einem Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent nahm die Beschäftigung zu. Da das Wachstum aber nur etwa 2,4 Prozent jährlich betrug, entstanden kaum neue Jobs.