Afrika? Vielen Medizinern fällt dazu seit Jahren nur eines ein: Aids. Und tatsächlich sterben von den weltweit jährlich drei Millionen Opfern der Immunschwäche zwei Millionen auf dem südlichen Kontinent. Sie hinterlassen elf Millionen Waisenkinder.

Vor allem Südafrika wird von der Seuche heimgesucht. Fünf Millionen Menschen leben dort mit dem Erreger im Blut. In Kwazulu-Natal, dem Stammland der Zulu, liegt die offizielle Infektionsrate bei fast 40 Prozent. In ländlichen Gebieten und Armenvierteln gehen Experten von 80 bis 90 Prozent Infizierten aus. Längst hat die Seuche den Blick auf die seit Jahrhunderten nahezu unverändert wütenden Tropenleiden wie Malaria, Gelbfieber oder Schlafkrankheit verstellt. Die Debatte um billige Therapeutika gegen das HI-Virus lenkt davon ab, dass vielen Afrikanern die einfachsten, nur wenige Cents kostenden Arzneimittel fehlen.

Als Miguel Ribeiro zwischen 1980 und 1991 seine Weiterbildung in Südafrika absolvierte, dominierte Aids noch nicht den Alltag der Krankenhäuser. Der portugiesische Arzt für Innere und Tropenmedizin begegnete in Atteridgeville, einem "schwarzen" Vorort Pretorias, einer Vielzahl von Leiden, die er auch aus Europa kannte.

Im Kalafong, einem Hospital, das nur Schwarze behandelte, fiel Ribeiro jedoch auf, dass die Krankheitsbilder bei seinen Patienten extrem ausgeprägt waren. Die oft mangelhafte medizinische Versorgung auf dem Kontinent ist dafür verantwortlich, dass die Krankheiten in Verlaufsformen auftreten, die in den reichen Industriestaaten nahezu unbekannt sind.

Um Anschaungsmaterial für den medizinischen Unterricht zu haben, begann Ribeiro mit Einwilligung der Kranken die Leiden fotografisch zu dokumentieren. Die Krankheitsbilder – chronische Entzündungen, Marfan-Syndrom, Herzmuskelerkrankungen, Lepra oder Speiseröhrenkrebs – sollten dabei im Mittelpunkt stehen. Die Patienten selbst bleiben anonym.

Als das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité 2001 den ersten Kontakt zu Ribeiro aufnahm, waren die Reaktionen auf die medizinischen Aufnahmen gespalten. "Einerseits faszinierten die Wärme, die Ausstrahlung, die Würde der Kranken", sagt Thomas Schnalke, der Leiter des Museums, "andererseits schienen viele der gezeigten Leiden zu grausam und die Blicke auf persönliches Leid zu privat."

Nun glaubt Schnalke, die Bilder, nachdem er sie mit Kommentaren und Hintergrundtexten versehen hat, seinem Publikum zumuten zu können – ohne sich dem Vorwurf des Voyeurismus auszusetzen. Schließlich trete in den Fotos "eine Kraft, eine Stärke, ein Lebens- und Überlebenswille" zutage, der den Porträtierten Würde verleihe. Sie werden, sagt Schnalke, "zu Ikonen der Krankheit in ihrer gesamten Ausprägung und gleichzeitig zu einem Stück Kunst".

Letztlich habe der Arzt Miguel Ribeiro es gewagt, sagt der südafrikanische Fotograf David Goldblatt, "Schönheit dort zu finden, wo andere praktische Ärzte lediglich daran interessiert sind, die Subjekte ihrer klinischen und forensischen Studien zu objektivieren, und wo die Menschen im Allgemeinen gewohnt sind, ihre Augen mit Angst und Abscheu abzuwenden".