Das wurde auch Zeit! Die Börse ist doch keine Einbahnstraße! Nachdem Aktienanleger im Herbst und Winter vergangenen Jahres in der Regel keine Freude mit ihren Papieren hatten, geht es inzwischen wieder aufwärts mit dem Deutschen Aktienindex. Es war also doch ganz gut, dass die Deutsche Börse im Sommer den 15.Geburtstag des Dax gefeiert hat. Seit seinem Tief Anfang März mit 2188 Punkten legte er mehr als 60Prozent zu. Besonders stark war der April, in dem der Index der 30 bedeutendsten deutschen Unternehmen um mehr als 21 Prozent stieg. Das ist der stärkste Kursanstieg binnen eines Monats seit Beginn der offiziellen Berechnung des Dax 1988. Im Mai, Juni und Juli ging der Kursanstieg weiter, und selbst nach einer Korrektur von rund sieben Prozent im August und September klettert er auch im Oktober wieder.

So erstaunlich es auch erscheinen mag: Diese Bewegung war vorhersehbar. Die Entwicklung des Dax weist nämlich über Jahre hinweg ausgeprägte saisonale Muster auf. Der April zählt wie der März, Mai, Juni und Juli zu den im langfristigen Vergleich guten Monaten. Spätsommer und Herbst sind bei Börsianern gefürchtet. "Ab Anfang August wird es oft kritisch, zumal wenn in den Monaten vorher hohe Kursgewinne zu verzeichnen waren. Und der September ist für den Dax ein fürchterlicher Monat", sagt Frank Mella, der Mitte der achtziger Jahre als Redakteur der Börsen-Zeitung den Dax mit entwickelte und dafür das Bundesverdienstkreuz erhielt. Insofern gelte für den deutschen Akienmarkt nicht die viel zitierte amerikanische Börsenweisheit "Sell in May and go away", sondern eher "Sell in July and say bye-bye."

Mellas These lässt sich empirisch belegen, wenn man den Dax seit 1988 analysiert. Da sind zum einen die massiven Schwankungen in relativ kurzer Zeit, zum anderen die großen Unterschiede in der Entwicklung im Jahresverlauf. Einbußen von einem Viertel des Wertes binnen eines Monats wie im September 2002 oder knapp 20 Prozent wie im September 1990 und August 1998 sind gewaltig. Und Wertverluste von 34 Prozent im zweiten Halbjahr 2002 und von 44 Prozent im gesamten letzten Jahr lassen Sparer an der Aktienanlage verzweifeln.

Zwar weiß jeder einigermaßen aufgeklärte Investor, dass Aktien riskant sind. Aber derartige Horrorzahlen gelten nicht für ein einzelnes Papier, sondern für einen Index aus 30 Werten, gewichtet nach dem Marktwert des frei handelbaren Kapitals. Unter ihnen sind also die Spitzenwerte der deutschen Wirtschaft, etwa Siemens, die Deutsche Bank, DaimlerChrysler, BASF, die Allianz oder die Deutsche Telekom. Natürlich weist der Dax aufgrund seiner breiten Zusammensetzung ein niedrigeres Risiko auf als Einzelwerte – was Aktionäre des mit einem Minus von 88,5 Prozent im vergangenen Jahr jäh abgestürzten Finanzdienstleisters MLP erfahren mussten.

Im ersten Halbjahr höhere Renditen

Auf der anderen Seite stellen diese enormen Schwankungen des Dax natürlich auch eine Chance dar. Wie zuletzt im April 2003 mit einem Plus von mehr als 20 Prozent. Oder in Monaten wie dem Dezember 1999, Juli 1997 oder Februar 1998, als der Dax binnen 30 Tagen jeweils mehr als 15 Prozent an Wert gewann. Erfahrene Aktionäre haben noch die goldenen neunziger Jahre in Erinnerung, als Aktionäre 1993, 1997 und 1999 jeweils Rekordzuwächse von 40 Prozent und mehr im Jahr verbuchen konnten.

Verheerend sieht hingegen die Bilanz für die Monate August und September aus. Anleger, die jedes Jahr allein in diesen beiden Monaten im Dax engagiert gewesen wären, hätten knapp drei Viertel ihres Einsatzes verloren, während das Börsenbarometer insgesamt von 1988 bis Ende 2002 ein Plus von 193 Prozent aufweist. Mit einem durchschnittlichen Minus von 5,73 Prozent im Jahr wird der September für viele Dax-Anleger zum Albtraum. Die Entwicklung im August liegt im Durchschnitt bei minus 2,9 Prozent im Jahr. Alle anderen Monate verzeichnen hingegen im langfristigen Vergleich Wertzuwächse.

Doch gilt nicht der Oktober allgemein als besonders gefährlich? Ja, nach dem Börsencrash 1987 fürchteten Anleger vor allem diesen Monat. Mit einem Minus von knapp 24 Prozent büßte auch der Dax 1987 im Oktober massiv an Wert ein. In den vergangenen Jahren entwickelte sich der Oktober aber meist zu einem goldenen, zumal die Kurse oft schon im August und September massiv eingebrochen waren. "Vielleicht haben die Anleger die gefürchtete Börsenschwäche im Oktober nach 1987 bereits antizipiert und vorab verkauft", sagt Mella. Jedenfalls reiht sich dieser Monat seit 1988 mit einem durchschnittlichen Plus von 2,52 Prozent in die Reihe der guten Monate ein – wie übrigens auch der November und Dezember mit einem Wertzuwachs von im Schnitt 2,68 beziehungsweise 2,9 Prozent.