Im März 2000 erreichte der Netzwerk-Hersteller Cisco Systems an der Börse den astronomischen Wert von 580 Milliarden Dollar. Konzernchef John Chambers fabulierte, Cisco werde als erstes Unternehmen der Welt eine Billion Dollar wert sein. Im selben Monat aber wurden so viele Finanzwetten wie nie zuvor auf einen Absturz der Cisco-Aktie abgeschlossen: Manager von Hedge-Fonds hielten die Papiere für überbewertet und versuchten, aus dieser Einschätzung Kapital zu schlagen. Möglich war dies, weil die lose regulierten Fonds Instrumente nutzen können, mit denen sie auch an fallenden Kursen Geld verdienen. Die Spekulation ging auf. Binnen weniger Wochen halbierte sich der Wert, viele andere Aktien stürzten ins Bodenlose. Nicht wenige Investoren jammerten, Hedge-Fonds hätten die Kurse nach unten getrieben und die Märkte ins Ungleichgewicht gebracht.

Dreieinhalb Jahre später feilen Arbeitsgruppen im Bundesfinanzministerium an einem Gesetz, das den Vertrieb von Hedge-Fonds in Deutschland ab kommendem Jahr in großem Stil ermöglichen soll. Das ist kein Zufall. Eine Linie führt von John Chambers im Frühjahr 2000 zu Hans Eichel im Herbst 2003 – sie ist zackig, führt nach unten und zeichnet die Entwicklung des Dax nach. Heute ist das Vertrauen in die Aktie als eindeutig überlegene Anlageform zerstört. "Die Anleger suchen nach Alternativen und kommen unter anderem auf Hedge-Fonds", sagt Robert Bierich, Gründungspartner der in Frankfurt ansässigen Hedge-Fonds-Gesellschaft Arsago.

Etwas hat nicht richtig funktioniert damals, als John Chambers sich irrte. In der Theorie sind Kapitalmärkte Maschinen, die Informationen – etwa über Unternehmen oder Volkswirtschaften – in Sekundenschnelle in Preise umsetzen. "Doch wenn es keine Leerverkäufe gäbe, könnten Aktienmärkte Informationen nicht effizient verarbeiten", sagt Mark Wahrenburg, Professor für Bankbetriebslehre an der Universität Frankfurt. "Wenn 80 Prozent der Investoren glauben, Aktien seien überbewertet, sie diese Überzeugung aber nicht in Gewinn ummünzen können, werden die übrigen 20 Prozent die Richtung diktieren, die anderen rennen hinterher." Wäre es im Winter 1999/2000 womöglich nicht zu Überbewertungen wie bei Cisco gekommen, wenn nur mehr Anleger wie Hedge-Fonds die Möglichkeit gehabt hätten, mit fallenden Kursen Geld zu verdienen?

"Nein, so ist es sicher nicht", glaubt Bernd Rudolph, Professor für Kapitalmarktforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München. "Zwar können Hedge-Fonds Informationen effizienter verarbeiten. Aber auch sie können ein falsches Bewertungsmodell anwenden oder ein Herdenverhalten an den Tag legen." Selbst Vertreter der Branche betrachten ihre Rolle nüchtern: "Hedge-Fonds-Manager sind nicht unbedingt schlauer als andere, aber sie haben einen entscheidenden Vorteil: Sie sind flexibler, und ihr Erfolg ist dadurch nicht so eng an die Entwicklung am Aktienmarkt gebunden", sagt Bierich.

Die Bezeichnung Hedge-Fonds ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Anlagestrategien. Gemeinsam ist den Investmentboutiquen, dass sie in der Wahl ihrer Strategie und vor allem der eingesetzten Mittel anders als klassische Publikumsfonds weitgehend frei sind. Sie können ihren Einsatz erhöhen, indem sie Kredite aufnehmen, und Anlagekategorien wie Aktien, Anleihen und Devisen beliebig mischen. Vor allem aber können sie mit Termingeschäften und Leerverkäufen auf fallende Kurse spekulieren und eine Hebelwirkung erzielen: Bei diesen Finanzwetten macht der eingesetzte Betrag nur einen Bruchteil dessen aus, was die Spekulanten gewinnen oder verlieren können.

Die Vielfalt der Möglichkeiten lockt immer mehr Investoren an. Zwischen 1990 und 2000 stiegen die von Hedge-Fonds weltweit verwalteten Mittel nach Statistiken der Beratungsgesellschaft Hedge Fund Research von 39 auf 487 Milliarden Dollar. In den Jahren darauf, als Aktienfonds weltweit Abflüsse zu beklagen hatten, schwoll das Volumen der Branche auf etwa 600 Milliarden Dollar an.

Doch halten die Hedge-Fonds überhaupt, was sich die Investoren davon versprechen? Der CSFB-Tremont-Hedge-Fund-Index ist in den vergangenen zehn Jahren im Durchschnitt um rund zehn Prozent gestiegen und brachte es in diesem Jahr bislang auf gut acht Prozent. Doch das gute Abschneiden täuscht. Zum einen umfasst der Index mehr als ein Dutzend verschiedener Strategien, deren Erfolg in den vergangenen Jahren höchst unterschiedlich war. Hinzu kommt, dass ausgerechnet die schwächsten Fonds aus dem Index herausfallen – nämlich diejenigen, die mangels Erfolg schließen müssen.

Anleger müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Risiken von Hedge-Fonds-Strategien sehr unterschiedlich sind. So hängt bei einigen der Erfolg oder Misserfolg sehr wohl mit der Entwicklung am Aktienmarkt zusammen. "Short seller", die vorwiegend auf fallende Aktienkurse spekulieren, haben dieses Jahr im Durchschnitt 22 Prozent verloren, weil seit März die Notierungen beharrlich steigen.