1. Abgesehen von der Funktion als Recheneinheit und Zahlungsmittel, ist Geld vor allem ein Vermögenswert – ein irrational bewegter Vermögenswert. Seine besondere Eigenschaft: Er weist die höchstmögliche Liquidität auf. Wie bei anderen Vermögenstiteln bestimmt der Vergleich des Nutzens mit den Kosten die Geldhaltung. Die wichtigsten Kosten der Liquidität sind die entgangenen Erträge aus alternativen Anlagen (Opportunitätskosten). Die erwarteten Renditen anderer Anlageformen wie festverzinslicher Anleihen oder Aktien beeinflussen maßgeblich die Geldhaltung. Da Erwartungen jedoch unsicher sind, muss jeder Mensch spekulieren. Deshalb spricht der britische Ökonom John Maynard Keynes zu Recht von der Spekulationskasse. Sie ist der Seismograf für die ungewisse und daher erspekulierte Zukunft. Heute prägen Pessimismus und Zukunftsängste die Geldhaltung. Selbst die große Vielfalt an ausgefeilten Finanzprodukten kann nicht verhindern, dass die Geldmenge unter den Matratzen zunimmt.

2. Zu behaupten, Geld wirke neutral in Bezug auf die Realwirtschaft, ist absurd. Ja, schon die Unterscheidung zwischen der realen und monetären Sphäre ist fiktiv. Die Höhe der Spekulationskasse wird einerseits maßgeblich durch die erwarteten Renditen auf den Finanz- und Investitionsmärkten bestimmt. Monetäre Entscheidungen sind also Ausdruck von Veränderungen auf den instabilen Finanz- und Gütermärkten. Andererseits führt die Anhäufung von Liquidität zumindest kurzfristig zum Entzug an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und dadurch zur Unterauslastung der Produktionskapazitäten. Diese analytische Trennung zwischen der Realwirtschaft und ihren Märkten, die die Versorgung optimal regeln, sowie des Geldes muss überwunden werden. Der alte Fuchs Alan Greenspan, der Notenbankpräsident der amerikanischen Federal Reserve, hat das schon lange begriffen. Er plädierte erneut Ende August beim jährlichen Notenbank-Treffen im kanadischen Jackson Hole für ein Höchstmaß an Flexibilität und sprach sich damit klar gegen jede regelgebundene Geldpolitik aus – ein weiterer Schlag gegen den Monetarismus. Die Notenbank müsse ganz pragmatisch die geldpolitischen Alternativen abwägen. Was fehlt, ist eine Theorie, die die wachsende Instabilität des Kapitalismus erklärt.

3. Es gibt zwei bedeutsame Preise für die moderne Makroökonomie, mit denen sich die Wissenschaft schwer tut: der Wechselkurs und der Kapitalmarktzins. Beide Preise sind wegen des Einflusses sich ständig verändernder Erwartungen der Marktteilnehmer nicht kalkulierbar. Das zeigt die Entwicklung und geldpolitische Einflussnahme auf die kurzfristigen Zinssätze. So tut sich die Europäische Zentralbank (EZB) – wie jede andere Notenbank übrigens auch – schwer, über die Veränderung des Preises für die Besorgung von Liquidität durch die Geschäftsbanken selbst noch Einfluss auf die kurzfristigen Zinssätze zu nehmen. Hier hat auch die Globalisierung der Finanzmärkte ihre Spuren hinterlassen. Sie nämlich erlaubt es erst den Banken, sich im Ausland zu verschulden. Abgesehen von diesen Grundproblemen, lässt sich heute die Veränderung der Kapitalmarktzinsen am besten mit der erwarteten Inflationsrate erklären.

* Rudolf Hickel lehrt an der Universität Bremen. Er vertritt den postkeynesianischen Ansatz